Gesundwerden macht krank

16. Juni 2006, 12:36
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Jan Faktors groteske Leidensgeschichte "Schornstein" ist auch eine Satire auf das nicht nur in Deutschland langsam vor die Hunde gehende Gesundheitswesen

Als Vertreter des literarischen Underground war Jan Faktor bisher nur einer sehr kleinen Leserschaft ein Begriff. 1951 in der Tschechoslowakei geboren, durch den Prager Frühling (und dessen brutale Niederschlagung) geprägt und 1978 der Liebe wegen nach Ostberlin ausgewandert, zählte er in den Achtzigern zur inoffiziellen DDR-Literaturszene. Sprich: Das Publizieren war ihm verboten, was er durch schalkhafte Performances zu kompensieren versuchte. Die Jahre nach dem Mauerfall brachten für Faktors Schreiben eine Wende. Plötzlich durfte er zwar veröffentlichen, abgesehen von Kleinstverlagen fühlte sich jedoch niemand für sein experimentelles, von den Dadaisten bis Jandl beeinflusstes Werk zuständig. Zugleich muss der Mann, der einem dem konventionellen Erzählen skeptisch gegenüberstehenden Kreis entstammt, gewisse Vorbehalte irgendwann aufgegeben haben, wie nun sein erster Roman beweist.

Schornstein ist eine über weite Strecken realistisch erzählte und sehr glaubwürdig anmutende Groteske über einen Kranken und seine Probleme beim Gesundwerden. Der Ich-Erzähler leidet an einer seltenen Stoffwechselkrankheit. Dass er bereits in relativ jungen Jahren einen leichten Herzinfarkt erleidet, davon erholt er sich recht zügig. "In unserem, für mich auf jeden Fall besten Land auf der Erde gibt es eine Möglichkeit, Leute wie mich bei Gesundheit zu halten. Dass ich immer noch da bin, verdanke ich einer Maschine, mit der ich mein Blutplasma filtern lasse."

Jedoch wird seine Lage prekär, als die Kassenärztliche Vereinigung ihm die überlebensnotwendige Blutwäsche nicht mehr bezahlt. Schornstein, so der im weiteren Verlauf der Handlung mit Bedeutung aufgeladene Name des Mannes, beginnt einen Kampf gegen die Windmühlen einer undurchsichtigen Gesundheitsbürokratie. Bald wird er zum Experten auf dem Gebiet, gleichzeitig machen ihn seine ermüdenden Recherchen erst so richtig krank.

Oberflächlich lässt sich Schornstein als Satire auf das nicht nur in Deutschland langsam vor die Hunde gehende Gesundheitswesen und dessen Untergruppe "gesundheitsbürokratisches Genehmigungs- und Verweigerungssystem" lesen. "Sie dürfen nicht denken, dass die Ärzte ihre Patienten danach behandeln, was diese tatsächlich brauchen oder was ihnen hilft", sagt einmal ein hoher Beamter. "Die Ärzte entscheiden im Grunde danach, wofür sie Geld bekommen." Das wird schon stimmen, zu der Erkenntnis bedürfte es allerdings noch keines Romans. Tatsächlich beeindruckt das Buch, das in seiner Urform mehr als 1000 Seiten stark war, aber gerade durch seine Unstimmigkeiten und mitunter seltsamen Wendungen. Was nützt das dem Roman, wurde von deutschen Kritikern etwa gefragt, wenn der Protagonist beim Besuch eines Psychiaters nach mehr als 100 Seiten plötzlich seine jüdische Abstammung entdeckt? Und vor allem: Darf er in weiterer Folge geschmacklose Witze darüber reißen, seine treu für ihn sorgende Frau "Judenschlampe" nennen?

Es sind jedoch gerade diese Passagen, in denen bei Faktor die Sicherungen durchbrennen und er sich neben seiner jüdischen Großmutter wohl auch seiner wilden Undergroundvergangenheit erinnert, die dem teils erstaunlich artigen Roman seine Würze geben. Provozieren mag manchen Leser auch die Kotzdichte in dem an Ausscheidungen und Körperflüssigkeiten nicht eben armen Buch. Dabei hätte man gedacht, dass es Jahrzehnte nach Monty Python höchstens ein Schmunzeln hervorruft, wenn bei der Blutwäsche der rote Saft spritzt. Überhaupt, der Humor: Wo die verhandelte Materie eine triste ist und die allgemeine Lage der Rechtssprechung sowie übler Depressionen wegen aussichtslos scheint, muss umso mehr gelacht werden. Selten verfällt Faktors Erzähler in Larmoyanz, oft bricht er seine Leidensgeschichte mit einem selbstironischen Wortwitz, der Schornstein gut steht. So erfrischend kann ein spätes Debüt geraten. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.6.2006)

Von Sebastian Fasthuber


Tipp: Lesung


Der Autor liest am 22.6. um 19.00 Uhr in der Alten Schmiede, 1., Schönlaterngasse 9, aus dem Buch.
  • Jan Faktor: "Schornstein"Roman. 
20,50/284 Seiten. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2006.
    buchcover: kiepenheuer&witsch

    Jan Faktor:
    "Schornstein"
    Roman. 20,50/284 Seiten. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2006.

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