Transrapid steckt in China fest

31. Juli 2006, 15:27
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Peking droht Berlin mit Stopp des Vier-Milliarden- Prestigeprojekts der Magnetschwebebahn - Gespräche angeblich "kurz vor dem Scheitern"

China droht den Erweiterungsbau des Transrapid, eines der Prestigeprojekte der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit, auf Eis zu legen. Kritische Äußerungen von Bauleitern und Beamten, die von chinesischen Zeitungen verbreitet wurden, haben das deutsche Konsortium von ThyssenKrupp und Siemens alarmiert. "Die Verhandlungen leiden an plötzlicher Unterkühlung", charakterisierte eine der führenden Pekinger Fachzeitungen, der Wirtschaftsbote des 21. Jahrhunderts, die Lage der "festgefahrenen Gespräche".

Die Webseite der englischsprachigen Zeitung China Daily behauptete gar, dass die Gespräche "kurz vor dem Scheitern" stünden. Mitarbeiter des Konsortiums meinten, dass sie bei Preisen für die Machbarkeitsstudie offenbar unter Druck gesetzt werden sollen. Die Gesamtkosten des Projekts werden auf vier Milliarden Euro geschätzt.

Nicht unverzichtbar

Wenige Wochen vor dem im Sommer geplanten Abgabetermin der Machbarkeitsstudie, auf deren Grundlage der Pekinger Staatsrat grünes Licht für den rund 200 Kilometer langen Weiterbau der Schanghaier Strecke bis zur Zhejianger Provinzhauptstadt Hangzhou geben kann, warnen Beamte vor einem Scheitern des Projekts. "Eine solche Studie kann zu zwei Schlussfolgerungen kommen, nämlich dass das Projekt machbar ist oder dass es nicht machbar ist", zitierte der Wirtschaftsbote den Planungsbeamten der Provinz Zhejiang, Chai Xianlong: Die Transrapidtechnologie sei langfristig und "aus strategischen Gründen" zwar wünschenswert, aber "kein unverzichtbares" Projekt.

Chai bestätigte auch angebliche interne Äußerungen vonseiten der Pekinger Genehmigungsbehörden. Demnach gebe es keinerlei Zeitdruck. "Eine solche Strecke muss nicht vor dem Beginn der Schanghaier Expo 2010 fertig gebaut werden." Die Zeitung zitiert Experten aus der Schanghaier Universität Tongji, dass ein in Chengdu hergestellter "chinesischer Transrapid" ab Juli bei Probefahrten ausprobiert werden soll. Auch ihre Warnungen sind unverblümt direkt: Man brauche die ausländische Technologie nicht unbedingt. Man könne eigene Magnetschwebebahnen einsetzen und ihr Tempo von derzeit angeblich möglichen 350 Kilometern pro Stunde nach und nach auf 450 km/h erhöhen.

Explizit warnen die Experten, dass eine zeitliche Aufschiebung der deutschen Seite mehr als der chinesischen schade. Deutschlands Vorteile liegen nicht in der Bahn, sondern in seinem Vorsprung durch Jahrzehnte an "Erfahrung, ausgereiften Technologien und Sicherheit". Chai, der seit 1996 mit der Transrapidplanung befasst ist, betont, dass die Zeit für China wirke: "In Zhejiang gibt es mehrere Unternehmen, die bereits an Probestrecken für Magnetschwebebahnen arbeiten."

Harter Poker

Chinesen und Deutsche pokern hart um Preise und um einen möglichst vollständigen Technologietransfer. Nach Recherchen des Wirtschaftsboten verlangt China für seine Zustimmung zum Verlängerungsbau neben deutscher Regierungsunterstützung, die Gründung eines Jointventures und die Fertigung fast aller Ausrüstungen und Komponenten in China. Für Deutschland soll nur ein Lieferanteil von zehn Prozent bleiben. Die deutsche Seite verfolge dagegen den Plan, ihre Kerntechnologien zu behalten und Lizenzrechte zu verkaufen.

Die deutsche Bundesregierung will den Transrapidausbau in China "nicht um jeden Preis". Das betreffe unter anderem die Vorstellungen der chinesischen Seite über eine Finanzierung "mit deutschen Geldern", sagte Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.6.2006)

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    Der Transrapid ist eines der Prestigeprojekte der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit.

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