Pressestimmen: "Für den Triumph ist es zu früh"

13. Juni 2006, 15:10
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"Keine Entwarnung" - "Löst nicht das Problem des Terrors"

London/Berlin/Rom - Der Tod des Terroristen Abu Mussab al-Zarqawi im Irak steht am Freitag im Zentrum zahlreicher Pressekommentare:

"The Times" (London):

"Man wird Wochen, vielleicht Monate, warten müssen, bis man einschätzen kann, welche Auswirkungen sein Ende wirklich hat. Aber trotzdem ist dieses Ereignis möglicherweise von enormer Bedeutung. Sein Tod könnte sich sehr wohl als weit bedeutender herausstellen als die Gefangennahme von Saddam Hussein. Zarqawi war das Gesicht des Terrorismus im Irak. (...) Er wird schwer zu ersetzen sein."

"The Guardian" (London):

"Außerhalb der Reihen von Al-Kaida und der internationalen Bewegung für einen 'Heiligen Krieg' werden nur wenige Menschen Zarqawi nachweinen. Er war berüchtigt als Führer einer kleinen aber rücksichtslosen Terroristengruppe. Sein Name wird für immer mit der grausigen Enthauptung der britischen Geisel Ken Bigley verbunden sein. Aber er war auch für den Tod von Hunderten Irakern in Selbstmordattentaten sowie für das Schicksal von anderen unschuldigen Arabern und Muslimen verantwortlich. Er stand für die reine Barbarei, und in seinem sektiererischen Krieg scheint er neue Maßstäbe der Grausamkeit gesetzt zu haben."

"die tageszeitung" (taz) (Berlin):

"Der Tod Zarqawis löst nicht das Problem des Terrors. Jenseits der alten Afghanistan-Garde ist eine neue Generation von Aufständischen herangewachsen. (...) Zarqawi war für die US-Truppen und die irakische Regierung zum Feind Nummer 1 aufgestiegen. Wie sehr sind die Aufständischen durch Zarqawis Tod tatsächlich geschwächt worden? Die Aufständischen, die meist sunnitische Araber sind, stellen ein Sammelsurium aus ehemaligen Armeeoffizieren mit 'patriotischen Motiven', Baathisten, die von alten Zeiten träumen, Hardliner-Islamisten und ausländischen Kämpfern dar. Zwar arbeiten die Gruppen manchmal auf lokaler Ebene zusammen, auf ein politisches Programm können oder wollen sie sich aber nicht einigen. Al-Kaida hatte auch das Imageproblem, sich zu sehr auf ausländische Kämpfer zu stützen. (...) Das wirft die Frage auf, ob der Tod Zarqawis für die Aufständischen nicht sogar mit einer Imageverbesserung einhergehen könnte."

"Frankfurter Rundschau":

"Zarqawi ist tot, der Terrorist, der in letzter Zeit selbst Osama Bin Laden in den Schatten gestellt hat. Für die irakische Regierung ist das eine Erleichterung schaffende Nachricht. Der Urheber einer unsäglichen Hetze gegen die schiitische Mehrheit im Lande wird kein rhetorisches Gift mehr verbreiten und keinen Gewaltakt mehr organisieren. Al-Kaida ist damit nicht besiegt. Der Name steht für vieles, Inbegriff eines Terrorismus, der sich arrogant und verblendet auf den Islam beruft. Aber er steht nicht für eine Organisation mit einer mächtigen Zentrale und nachgeordneter Hierarchie, wenn es die in dieser Form je gegeben haben sollte."

"Handelsblatt" (Düsseldorf):

"Der Tod von Zarqawi ist ein großer Erfolg, der von der irakischen Regierung und der Besatzungsmacht USA zu Recht gefeiert wird. Bagdad und Washington sind aber gut beraten, das Ende des Terroristen nicht als Entwarnung zu werten - neue Gefahren lauern hinter jeder Ecke. (...) Die Erwartungen, dass es im Irak nach Zarqawis Tod ruhiger wird, dürften nicht allzu hoch gehängt werden. (...) Die US-Truppen ziehen sich selbst immer neue Feinde heran. Für die Bevölkerung gilt als ausgemacht, dass das Massaker an Zivilisten in Haditha durch US-Soldaten kein Einzelfall war. Hautnah bekommen sie zu spüren, wie sich die dauerhafte Überforderung der GIs in wütenden Übergriffen Bahn bricht."

"Neue Presse (Hannover):

"Die Begleitmusik zur Todesnachricht konnte nicht schriller sein. Gerade hatte der US-Präsident große Worte vom 'Sieg gegen den Terror' gesprochen, da meldete der Nachrichtensender CNN: Es gebe neue Bilder vom Massaker in Haditha, welche die US-Marines schwer belasteten. Ein schrecklicher Vergleich drängt sich da geradezu auf: Was Zarqawi konnte, das können amerikanische Soldaten auch?"

"Berner Zeitung":

"Zarqawis Tod ist eine gute Nachricht. Wer Menschen vor laufenden Kameras den Kopf abschneidet, muss mit allen Mitteln aus dem Verkehr gezogen werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich Zarqawi wahrscheinlich selbst zur Strecke gebracht hat, indem er im Internet den Amerikanern wichtige Hinweise auf seinen Aufenthaltsort gab. Zarqawi festzunehmen und vor Gericht zu stellen wäre sicher besser gewesen. Aber es ist verständlich, dass die US-Streitkräfte kein Risiko eingehen wollten. Man entschied sich deshalb für zwei 500 Pfund-Bomben, die Zarqawis Leben auslöschten, aber nicht seine Ideologie des Hasses."

"La Repubblica" (Rom):

"Das Bild, das die Amerikaner gezeigt haben um den vielfach angekündigten und immer wieder dementierten Tod des Vorreiters der Jihad sichtbar zu machen, wird für einige Zeit dafür sorgen, die unbeugsame radikal-islamistische Jugend - die ihn zu ihrem Idol auserkoren hatte - zu unterdrücken. Dann aber wird er sich in eine Ikone verwandeln: Den islamischen Guevara."

"La Stampa" (Turin):

"Die verständlicherweise euphorischen Worte von Bush beschreiben Zarqawi als den Initiator der terroristischen Guerilla, der den Irak in den Bürgerkrieg zu stürzen droht. Aber die Dinge liegen etwas anders. Der von Bin Laden gepredigte und von Zarqawi durchgeführte Terrorismus hat sich erst später im Irak ausgebreitet, als es das Phänomen von spontanen bewaffneten Angriffen auf die amerikanischen Soldaten bereits gab und es schon zu schrecklicher Alltäglichkeit geworden war."

"De Volkskrant" (Den Haag):

"Der Terrorismus im Irak hat sich längst zu einem vielköpfigen Drachen entwickelt, der auch nicht besiegt ist, wenn das wichtigste Haupt abgeschlagen wurde. (...) Aber lassen wir die Ausschaltung Zarqawis nicht als belanglos abtun. Sie ist ein Segen. (...) Der Zufall will es, dass der Tod Zarqawis zusammenfällt mit einem wichtigen politischen Durchbruch: Die Ernennung eines Innen- und eines Verteidigungsministers. Darüber wurde lange gestritten, weil jede Seite befürchtete, dass eine andere Bevölkerungsgruppe den Sicherheitsapparat zu fest in die Hand bekommen würde. Dass dieser Gordische Knoten genau gestern durchgeschlagen wurde, verleiht dem Ganzen einen besonderen Nachdruck. So wird aus dem Tag der Abrechnung auch ein wenig der Tag der Hoffnung."

"Nepszabadsag" (Budapest):

"Zarqawi war im heutigen, bürgerkriegsartigen Zustand im Irak höchstens ein Farbtupfer, ausgelöst hat er ihn nicht. Vielmehr ist jetzt der Augenblick gekommen, es auszusprechen: die Amerikaner können den Irak nicht befrieden. Zwar hören wir derzeit noch die bekannten Stimmen, dass man den Irak 'nicht seinem Schicksal überlassen darf' (auch Vietnam hätte man nicht dürfen), dass es zur 'Irakisierung' der Geduld bedürfe, dass sich die Ordnung früher oder später einstellt, dass die zusätzlich eingesetzten US-Truppen nur mehr noch ein paar Monate bräuchten, um in den Aufstandshochburgen aufzuräumen. Doch das Selbstvertrauen, der Glaube, die Überzeugung hinter diesen Stimmen schwinden. Die Amerikaner müssten endlich gehen, wirklich." (APA/dpa)

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