Das Politische am Fußball-Fieber

12. Juni 2006, 13:29
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Österreich nimmt an der Fußball-WM doch teil: Und zwar passiv - In Parlament und Regierung stellt man sich ein - und betont, dass beides geht: Politik machen und Fußball-Schauen

Wien - Möge sich Deutschland über Sitzungs-unwillige Parlamentsabgeordnete ärgern oder über einen Minister ereifern, der während einer Landtags-Debatte über Hartz-IV Panini-Pickerl einklebt - du, glückliches Österreich, bist anders. Das verspricht zumindest Nationalratspräsident Andreas Khol (ÖVP). "Ich werde sicherlich niemanden verwarnen, wenn er während einer Plenarsitzung Pickerl klebt", sagt Khol und betont, "dass wir eben nicht so einen tierischen Humor haben wie manche andere Länder."

Strenger die Zweite Präsidentin Barbara Prammer: Sie will keinerlei Rücksicht auf Fußball-narrische Abgeordnete nehmen: "Das Plenum ist kein Kindergarten, Abgeordnete müssen wissen, wofür sie im Parlament sind."

Prammer wird bestimmt nicht zur Eröffnung der Fußball-WM nach München fahren. Khol übrigens auch nicht: "Ich fahre lieber zu einer Seniorenbund-Veranstaltung in die Steiermark. Man muss Prioritäten setzen."

Prioritäten setzt auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der fährt nämlich. Gemeinsam mit Sport-Staatssekretär Karl Schweitzer, der ansonsten beteuert, "dass wir ganz normal weiter arbeiten."Schweitzer tauschte seine Panini-Pickerl übrigens nicht mit Mitarbeitern oder Parteifreunden, sondern mit dem Sohn von Theresia Zierler.

Der Kanzler und News-WM-Kolumnist Schüssel tauscht nicht, aber er schaut. "Und wenn er keine Zeit hat, müssen wir Mitarbeiter WM-Spiele schauen, quasi dienstlich, und ihm berichten", sagt Sprecherin Heidi Glück. Dies wird beim Europäischen Rat und beim Besuch von US-Präsident George W. Bush der Fall sein. Wenn Bush am Abend des 20. Juni ankommt, spielt nämlich England gegen Schweden. Wenn Bush am 21. Juni seine Pressekonferenz mit Schüssel hält, kickt gerade Portugal gegen Mexiko und der Iran gegen Angola - was Bush interessieren könnte.

Fraktionsübergreifend sind alle Politiker erleichtert, dass die WM-Spiele alle erst am Nachmittag beginnen. VP-Klubchef Wilhelm Molterer erwartet daher "business as usual". Alexander Van der Bellen drückt, laut Sprecher Lothar Lockl, "die Daumen für Elfenbeinküste"- und wird sich "daheim, am Abend sicher ein paar Spiele anschauen". SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer hält zu Brasilien, Klubchef Josef Cap zu Frankreich - schon wegen "Halbgott"(Cap) Zinedine Zidane, und benennt auch das Politische am Fußball-Fieber: "Die ÖVP freut sich schon, weil das Thema ORF dadurch in den Hintergrund tritt."Vice versa sieht das auch ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka so: "Die SPÖ ist erleichtert, weil dadurch der Bawag-Skandal aus den Schlagzeilen kommt."Der Steirer Lopatka hält zu Kroatien, "aus sentimentalen Gründen, weil Ivo Vastic so wichtig für Sturm Graz war". Der freiheitliche Klubobmann Herbert Scheibner drückt die Daumen für Portugal und stellt das Sitzungszimmer des Klubs für TV-Schau-Zwecke zur Verfügung. Als häufigen Gast erwarten die Orange-Blauen in den nächsten Wochen übrigens Spitzenkandidat Peter Westenthaler. Der will nämlich nicht alleine Fußball-Schauen.

FPÖ-General Herbert Kickl trägt WM-mäßig ein wenig dick auf. FP-Chef Heinz Christian Strache liege "genauso im Fußball-Fieber wie der Rest Österreichs". Und er halte zur Schweiz: "Weil er ein Herz für die Kleinen hat und weil ihm offensives Spiel imponiert." (DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2006)

von Petra Stuiber
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