Expertenzeit

11. Juni 2006, 21:17
7 Postings

Die Tage des Gescheitseins sind da. Die selbst ernannten Literaturkritiker und professionellen Welterklärer lassen von Peter Handke ab...

Die Tage des Gescheitseins sind da. Die selbst ernannten Literaturkritiker und professionellen Welterklärer lassen von Peter Handke ab, die Politiker verteilen sich über die Stadien und Flatscreens und lassen von den Menschen ab, sie lernen Fußballfachausdrücke auswendig.

Schließlich sind bald Wahlen. Nur abzuschieben, zu diskriminieren und zu bespitzeln ist zu wenig für ein Regierungsleiberl, man sollte Experte sein und ein Abseits erkennen und Ronaldinho aussprechen können und wissen, wer mit Kaiser gemeint ist.

Von der Aufnahme in den Kunstkanon über den Tourismusmotor und die Förderung der Konsumgüter- und Sexindustrie bis zum Folkloremantel für Diktaturen wird dem Spiel alles umgehängt. Im Unterschied zum Kapitalismus stellt der Fußball freilich ein Regelwerk in die Welt, das freiwillig überall befolgt wird. Auch wenn das Fußball-Business von ganz unten (Österreich) bis ganz oben (FIFA) nur für wenige Experten seine märchenhaften Versprechungen einlöst.

Sicherheitsexperten haben das Fest in Deutschland gesichert, die Grenzkontrollen leben kurzzeitig wieder auf. Hoffentlich fangen sie wenigstens ein paar expertisch gehandelte Sex-Dienstleisterinnen. In England haben Hooligan-Experten per Gesetz mehr als 3000 Unruhestiftern und Schlägern präventiv die Ausreise verboten.

Die schönsten Experten sind die klassischen Fußball-Föhn-Matschos. Jetzt wurde Gottschalk mit der Förderung der Ticketauslosung beauftragt. Der kann zwar Beckham nicht von Beck's unterscheiden. Aber das ganze Land ist eine Party, und über das Programm entscheiden nicht die gewählten, sondern die geweihten Experten. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9. Juni 2006, Johann Skocek)

Share if you care.