Gegen die blauen Augen

11. Juni 2006, 19:01
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Wiener Frauenhäuser starten Kampagne gegen häusliche Gewalt

Wien – "Komm, sa ma wieder gut. Und da hast du einen Strauß Blumen." Normalerweise freut frau sich über ein solches Versöhnungsangebot ihres Mannes oder Freundes. Wenn sie zuvor aber von ihm geschlagen und beschimpft, vergewaltigt oder tyrannisiert wurde, wird sie vielleicht andere Schlüsse ziehen.

Es gibt unterschiedliche Formen von häuslicher Gewalt und wahrscheinlich noch mehr Arten sie zu tabuisieren, blaue Flecken, psychische und körperliche Misshandlungen totzuschweigen und zu verbergen. Jedoch immer mehr Frauen gibt es, die dagegen etwas tun. Auf der einen Seite Frauen in Hilfsinstitutionen, auf der anderen die Betroffenen selbst, welche die Chance ergreifen sich und ihre Kinder aus dem Teufelskreis zu retten.

Ein Ausweg aus der häuslichen Gewalt ist das Wiener Frauenhaus, das mit seiner neuen Kampagne "Wenn Liebe weh tut...", mit der neuen Notrufnummer 057722, die Öffentlichkeit aufrütteln will. Eine Studie des deutschen Familienministeriums hat herausgefunden, dass fast die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, darüber schweigen. So sollen mit der Kampagne nicht nur betroffene Frauen erreicht werden. "Oft sind es auch Bekannte und Verwandte, die Betroffene über das Frauenhaus informieren", sagte Frauenhaus-Geschäftsführerin Andrea Brem.

Blaue Augen-Bilder

Auf den zwei Plakatsujets ist auf dem einen ein Ausschnitt einer Kommode, wie sie in vielen Wohnungen zu finden ist, abgebildet, auf dem ein Bild eines eng umschlungenen Paares zu sehen ist. Der Schönheitsfehler: Die Frau hat einen verzweifelten Gesichtsausdruck und ihre Lippe ist blutig geschlagen. Das zweite Bild zeigt ein eingerahmtes Hochzeitsbild, bloß dass hier die Braut mit ihrem blau geschlagenen Auge mehr duldend als glücklich dreinschaut.

Vergangenes Jahr wohnten 578 Frauen und 528 Kinder in den vier Wiener Frauenhäusern, 3059 Notrufe gingen ein. Ein Jahr davor, 2004, waren es 516 Frauen und 435 Kinder (2987 Notrufe). "Die Zuwachszahlen sind auch ein Zeichen dafür, dass sich Frauen immer weniger gefallen lassen," sagte Frauenstadträtin Sonja Wehsely. Rund ein Drittel der Frauen bleibt 14 Tage im Frauenhaus, bis sie entscheiden, welche Schritte sie weiter unternehmen. In den seltensten Fällen bleiben sie bis zu einem Jahr dort. Ein Viertel der Frauen geht aber wieder nach Hause und zu ihrem gewalttätigen Partner zurück, sagte Vereinsvorsitzende der Frauenhäuser Martina Ludwig.

Die Frauenstadträtin will sich in Zukunft mehr um die Nachbetreuung kümmern. Die Zahl der Wohnungen, die mittellosen Frauen zur Verfügung stehen, soll bis 2010 von 25 auf 50 veroppelt werden. (mil, DER STANDARD - Printausgabe, 9. Juni 2006)

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