Gudrun Harrer im Interview: "Zarkawis Tod ist psychologisch enorm wichtig"

30. Juni 2006, 12:59
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Der Tod Zarkawis könnte zum Zerfall der Al-Kaida im Irak beitragen, sagt Österreichs Irak-Gesandte - Ein Ende der Gewalt sieht sie nicht

Der Tod Zarkawis könnte zum Zerfall der Al-Kaida im Irak beitragen, sagt Österreichs Irak-Gesandte Gudrun Harrer zu András Szigetvari. Ein Ende der Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten sieht sie freilich nicht.

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STANDARD: Welche Wirkung hat die Tötung Zarkawis auf den Aufstand im Irak?

Harrer: Sein Tod hat ganz bestimmt einen Einfluss auf die Zukunft des Aufstandes. Es ist nicht leicht quantifizierbar, wie groß der Einfluss der Zarkawi-Gruppe noch war. Manche meinen ja, dass die Baathisten und Saddamisten, die stärkere Gruppe im Aufstand waren. Aber trotzdem ist der Tod Zarkawis psychologisch enorm wichtig.

Es stopft all jenen den Mund, die behauptet haben, er sei eine amerikanische Erfindung. Sein Tod ist auch wichtig im Hinblick darauf, dass die Al-Kaida im Irak ja schon gespalten war. Wenn wir Glück haben, könnte Zarkawis Tod dazu beitragen, dass die Al-Kaida weiter zerfällt. Die interkonfessionelle Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten wird deswegen natürlich nicht aufhören.

STANDARD: Warum wenden sich die Leute von Al-Kaida ab?

Harrer: Die Bevölkerung wollte die Brutalität Zarkawis, also dass er seinen Kampf wirklich auch gegen die irakische Bevölkerung geführt hat, nicht mehr mittragen. Die meisten Iraker unterstützen ja eher den Kampf gegen die fremden Truppen.

Viele hat auch abgeschreckt, wie Zarkawi mit den irakischen Schiiten umgegangen ist, also die Anschläge auf schiitische Moscheen und schiitische Wohnviertel.

STANDARD: Die irakische Regierung ist komplett. Sehen Sie eine Chance, dass sich die Sicherheitslage nun bessert?

Harrer: Wir haben jetzt die erste echte irakische Regierung, der Interimsprozess ist abgeschlossen. Und wir hoffen auf eine Wende. Das wichtige war, dass das Verteidigungs- und Innenministerium abseits der ethnischen Linien besetzt werden. Also dass nicht das Verteidigungsministerium einer Gruppe gehört und das Innenministerium einer anderen, sondern dass beide Ministerien zur Regierung gehören.

Ich glaube, das ist gelungen, denn sonst hätte es keinen Konsens im Parlament gegeben. Die Leute haben auch das Gefühl, dass etwas weiter gehen könnte. Die Regierung muss aber schauen, dass sie den Menschen etwas positives bietet, sonst geht die Dynamik schnell wieder verloren.

STANDARD: Welche Wirkungen hatte das US-Massaker in Haditha auf die Menschen im Irak?

Harrer: Ich glaube nicht, dass es die verfestigten Meinungen, also der einen, die froh sind, dass die Amerikaner da sind und der anderen, die sie bekämpfen, verändert hätte.

Eines hat es natürlich getan: Die Position der irakischen Regierung, die von der Unterstützung der fremden Truppen lebt, ist nun weit schwieriger. Die Regierung muss einerseits die Amerikaner scharf verurteilen, aber andererseits weiter mit ihnen kooperieren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09. 06. 2006)

Zur Person

Gudrun Harrer, karenzierte Leiterin des außenpolitischen Ressorts des STANDARD, ist derzeit Sondergesandte der österreichischen EU-Präsidentschaft im Irak.

  • Österreichs Irak-Gesandte Gudrun Harrer.
    foto: der standard/cremer

    Österreichs Irak-Gesandte Gudrun Harrer.

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