Über das Unbewusste von Organisationen

16. Juni 2006, 16:29
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Psychoanalytiker Ross A. Lazar analysierte im Grazer "Science Tall" Missmanagement

Graz - Eine neue Gruppe von Beratern nähert sich Unternehmen psychoanalytisch. Der in München lebende US-Psychoanalytiker Ross A. Lazar ist einer der Pioniere.

Wenn Millionen von Euro in den Sand gesetzt werden, ist rasch von "Missmanagement" die Rede. Womit gemeint ist, dass jemand nichts von seinem Geschäft verstanden und falsche Entscheidungen getroffen habe. Was aber auch heißt, dass sich die ganze Sache auf der Ebene des Wissens und des Bewusstseins abspielte, also rational war.

"Gesamt-Unbewusstes"

Für Lazar, Donnerstagabend Gast beim vom STANDARD mitveranstalteten "Science Talk" in der Neuen Galerie Graz, ist aber das sehr fraglich. Denn in Unternehmen und Organisationen spiele sich das Leben nicht nur auf der Ebene der Rationalität ab: Es existiere in diesen auch ein Unbewusstes - ein "Gesamt-Unbewusstes".

Also hat sich Lazar auf die Bearbeitung dieses "Organisationen-Unbewussten" spezialisiert, bezeichnet sein Tun als "psychodynamische Organisationsberatung". Wie aber kommt in Organisationen ein Unbewusstes zustande?

Positionen

Lazar erklärte dies anhand von Erkenntnissen der Londoner Tavistock-Instituts über Gruppen und und Organisationen: Von Melanie Klein stammt die Unterscheidung von "paranoid-schizoider" und "depressiver Position", die beide schon das ganz kleine Kind einnimmt: Die "paranoid-schizoide Position" ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind alle negativen Emotionen abspaltet und auf andere, äußere Personen projiziert, die eigene Unlust und Feindseligkeit diesen zuschreibt.

In der "depressiven Position" hingegen entwickelt das Kind eine Art Besorgnis um diese "bösen Objekte", die es verfolgen, und fürchtet nun, dass selbige durch besagte Zuschreibungen Schaden nehmen könnten. Es kommt deshalb zu einer Zuwendung zu diesen Objekten, die zunehmend nicht mehr nur als "böse", sondern auch als "sorgend" vorgestellt werden.

Pendelbewegung

Laut Lazar pendelt jeder Mensch zwischen diesen beiden Positionen hin und her. Und diese Pendelbewegung hat auch für Gruppen ihre Gültigkeit. Was sich dann beobachten lässt, wenn eine Gruppe einmal als "Arbeitsgruppe" an einem gemeinsamen Ziel arbeitet ("depressive Position"), dann jedoch in die "Grundannahme-Mentalität" zurückfällt, in der die Gruppe vor allem damit beschäftigt ist, sich selbst zu erhalten. Und deshalb etwa einen Führer bestimmt, der sie gegen einen (imaginären) äußeren Feind mobilisiert - womit sie vergleichbar dem Individuum agiert, das in der "paranoid-schizoiden Position" steckt.

Diese Polarität erzeugt nun in Organisationen ein Unbewusstes: Es entstehen zwischen "Grundannahme-" und "Arbeitsgruppen-Mentalität" Konflikte - und erstere ist ein Terrain, das eben durch unbewusste Bedürfnisse der Gruppe gekennzeichnet ist. (DER STANDARD, Print, 9.6.2006)

Christian Eigner
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