Fußball und Damokles

8. Juni 2006, 19:38
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Ein Ende hat’s mit Vorbereiten, Üben und Eröffnen, mit Countdown-Herunterzählen und Werbetrommelrühren, nun wird gekickt, gejubelt, geweint, der Schiedsrichter verdammt - ein Kommentar

Zeit ist es schon gewesen, und Zeit wird’s. Ab Freitag 18 Uhr, ab Deutschland gegen Costa Rica, ab sofort soll einfach nur Fußball gespielt und geschaut werden. Ein Ende hat’s mit Vorbereiten, Proben, Üben und Eröffnen, mit Countdown-Herunterzählen und Werbetrommelrühren, nun wird gekickt und gejubelt, geweint, der Schiedsrichter verdammt.

Die Welt ist zu Gast bei Freunden - so lange jedenfalls, solange sich kein dunkelhäutiger WM-Besucher in eine No-go-Area verirrt. Das war und bleibt pervers, dass gegeißelt wurde, wer Offensichtliches öffentlich ansprach. Als wäre es besser gewesen, stillschweigend das eine oder andere rechtsradikale Übergrifferl in Kauf zu nehmen, bloß um dem deutschen Image nicht zu schaden. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt es "erschreckend", dass sich die Politik anlässlich der WM mehr um den Ruf Deutschlands sorge als um den Schutz von Ausländern. "No-go-Areas darf es nicht geben", sagt Innenminister Wolfgang Schäuble. Es gibt sie.

Internationale Reiseführer raten, bestimmte Gegenden zu "meiden, wenn man homosexuell oder nicht deutsch aussieht". Und womit man warnt? Mit Recht! Natürlich gibt es für Minderheiten wie Ausländer oder Homosexuelle No-go-Areas im Osten, natürlich gibt es auch im Westen Deutschlands nicht nur Go-Areas. Als weißer Tourist wird man auch nicht blindlings und nächtens durch Nairobi oder Detroit schlendern. Wer da oder dort Gastgeber ist und sich und anderen etwas vormacht, läuft Gefahr, einer Mittäterschaft schuldig zu werden.

Rechtsextremismus und Hooliganismus, vielleicht noch gekoppelt, sind die größte Sorge der WM-Organisatoren. Dem Vernehmen nach ist aus England noch relativ wenig zu befürchten, England hat vor Jahren schon damit begonnen, Hooligan-Dateien zu erstellen, und tausenden gewaltbereiten Fans sicherheitshalber die Ausreise verboten. Gefahr droht vor allem aus dem Osten Europas, speziell in Polen schlagen sich Fanatiker mit unschöner Regelmäßigkeit die Glatzköpfe ein. Nun hat Polen zig Einheiten aus dem Osten abgezogen, um an der Grenze zu Deutschland schon möglichst viele Radaubrüder aus dem Verkehr zu ziehen.

Rassismus in Fußball-Nähe ist kein Zufall, das Stadion ein Hort der Anonymität, in dem Gewalt und Drohungen und/ oder rechtsextreme Anwandlungen zudem lange Zeit geduldet wurden. Der allmächtige Fußball-Weltverband, die FIFA, hat das Problem heruntergespielt und seine Dimension zu spät erkannt. Die Grenze wurde nicht erst, aber besonders krass in Italien überschritten, als der Kapitän von Lazio Rom, Paolo di Canio, gar nicht anonym landauf, landab nach jedem Tor römisch grüßte. Und als Zoro, FC-Messina-Verteidiger von der Elfenbeinküste, von Inter-Mailand-Fans so lange mit Affenlauten verhöhnt wurde, dass er mit dem Ball in der Hand das Spielfeld verließ und den Referee bat, die Partie zu unterbrechen. Offiziell tritt der Fußball gern gegen Rassismus auf. In Italien hat nach dem Fall Zoro eine ganze Meisterschaftsrunde mit fünfminütiger Verspätung begonnen. Schon bei der WM sollen nun immerhin einem Team drei Punkte abgezogen werden, wenn ein Spieler oder Offizieller sich "diskriminierend oder menschenverachtend verhält". Ab Herbst sollen sogar Klubs mit ähnlicher Härte bestraft werden, wenn ihre Fans sich danebenbenehmen. Um wirklich glaubhaft zu werden, muss der Fußball beinhart durchgreifen. Zeit ist’s, allerhöchste. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9. Juni 2006, Fritz Neumann)

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