Thonet sperrt Produktion im steirischen Friedberg zu

29. Juni 2006, 16:12
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40jährige Ära geht zu Ende - Die vergleichsweise teuer produzierten Thonet-Biegeholzmöbel treffen laut Eigentümer nicht mehr den Geschmack der Zeit

Wien – Drei Wochen noch sind die Maschinen in Betrieb, wird gearbeitet und mit Stempeleisen die Marke Thonet auf das Holz geknallt. Dann ist endgültig Schluss. Nach 43 Jahren wird das Werk Friedberg in der Oststeiermark, die letzte verbliebene Produktionsstätte von Thonet in Österreich, definitiv zugesperrt.

"Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen", sagte Geschäftsführer Giovanni del Vecchio im Gespräch mit dem STANDARD. "Wir sehen keine Möglichkeit mehr, die Produktion in Friedberg fortzusetzen.

Luxusmöbelerzeuger mit Tradition

Del Vecchio ist unter dem Dach von Poltrona Frau, einem traditionsreichen Luxusmöbelerzeuger aus Mittelitalien, für die "Gebrüder Thonet Vienna GmbH" zuständig. Poltrona Frau hat Thonet 2001 vom deutschen Investor Wolfgang Mellinghoff übernommen. Der italienische Designmöbelkonzern, der mehrheit 2. Spalte lich von Fiat-Präsident Luca di Montezemolo über dessen Investmentfonds Charme kontrolliert wird, setzte zuletzt mit rund 1000 Mitarbeitern etwa 240 Mio. Euro um. Zur Gruppe gehören auch die Marken Cappellini, Gufram, Cassina, Alias und Nemo.

Thonet wird insbesondere mit dem "Sessel Nr. 14" identifiziert. Dieser steht für die Wiener Kaffeehauskultur schlechthin. Doch Geschmäcker ändern sich und auch das Nachfrageverhalten, wie del Vecchio zu wissen glaubt. Die in der Steiermark aufwendig hergestellten Biegeholzmöbel würden nicht mehr den Geschmack der Zeit treffen.

Marktanteil sinkt

"Der Marktanteil dieser Produkte geht Jahr für Jahr zurück. Wir wollen der Marke Thonet ein moderneres Image geben und auch mit Materialien abseits von Holz experimentieren", sagte del Vecchio. Friedberg sei spezialisiert auf die alte Biegeholztechnik, dort ließen sich diese neuen Produkte in Kunststoff mit unterschiedlichsten Beschichtungen und Farben nicht herstellen.

Del Vecchio sieht auch die Chancen schwinden, dass es zu dem ursprünglich einmal angedachten Management- buy-out kommt. Zwar sei man bereit, die Werkshalle zu günstigen Konditionen zu vermieten und die Maschinen zur Verfügung zu stellen, eine Abnahmegarantie in der von der Belegschaft als notwendig erachteten Größenordnung sei aber nicht möglich. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.6.2006)

  • Man will der Marke Thonet ein moderneres Image geben und auch mit Materialien abseits von Holz experimentieren.
    foto: standard/cremer

    Man will der Marke Thonet ein moderneres Image geben und auch mit Materialien abseits von Holz experimentieren.

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