"Die Welt bewegt sich nach Osten"

26. Juni 2006, 13:56
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Als reiner Vermögens­verwalter hat sich die Schweizer Privatbank Julius Bär im Vorjahr neu positioniert - Der STANDARD erfragte die Pläne für Wien

Wien - Bei Fondsmanagern und Analysten sind Konglomerate schon vor Jahren in Ungnade gefallen. Doch gerade in der Branche, die das Geld anderer Leute verwaltet, ist die Botschaft der Spezialisierung meist noch nicht angekommen.

Umso stolzer präsentiert Raymond Bär, der 47-jährige Spross der prominenten Schweizer Bankierfamilie, die neue Julius Bär Gruppe, die er als Präsident des Verwaltungsrates im vergangenen Jahr geschaffen hat. Die einst verschlafene Privatbank hat alles abgeworfen, was nicht zum Private Banking und Asset Management gehört. Sie hat durch die Übernahmen dreier Schweizer Privatbanken sowie des großen britischen Hedgefonds-Anbieter GAM ihre Größe verdoppelt und ist mit eigenen Aktien an die Zürcher Börse gegangen.

Nun baut Julius Bär, die sich nach UBS und Credit Suisse zur drittgrößten Schweizer Bank gemausert hat, auch die bisher eher stille Repräsentanz in Wien zu einer offensiv agierenden Anlageberatungsgesellschaft aus - vor allem mit Blickwinkel Mittel- und osteuropäischem Raum.

"Wir tun nur zwei Dinge"

Im Standard-Gespräch zeigt sich Raymond Bär überzeugt, dass sich seine Bank mit all diesen Schritten im heftig umkämpften Private- Banking-Markt richtig positioniert. "Wir sind die einzige Bank, die nur zwei Dinge tut: Kundenbetreuung und Performance Management. Unsere Spezialisierung dient unseren Kunden, denn überflüssige Komplexität ist ein Kostentreiber, und unser fokussiertes Geschäftsmodell erlaubt uns, die Kosten besser im Griff zu haben."

Umso wichtiger ist für Bär die durch die Übernahmen ausgebaute globale Präsenz. "Wir haben den zusätzlichen Standort Singapur gewonnen und mit GAM unsere Präsenz im wichtigsten Finanzplatz der Welt weiter ausgebaut. Der ist heute London und nicht mehr New York, denn die Welt bewegt sich nach Osten."

London biete den größten Devisenmarkt, den attraktivsten Börsenplatz und die besten Experten im Anlagebereich, sagt Bär. Der Aufstieg Chinas und Indiens sowie der Höhenflug der Rohstoffpreise hätte die Bedeutung der Londoner City weiter gestärkt. Und London biete jene multikulturelle Atmosphäre, die New York in Folge der US-Politik seit dem 11. September 2001 verloren gegangen ist. "Nur mit einer kulturellen Öffnung kann man wirtschaftlichen Erfolg haben, mit einer Abschottung tut man sich schwer", sagt Bär.

Ost-Verschiebung

Auch die Schweiz habe durch die Ost-Verschiebung gewonnen und sei durch dank der Stabilität und Transparenz der Finanzindustrie der attraktivste Platz für Private Banking geblieben. Für den europäischen Osten hingegen sei Wien unverzichtbar, denn Österreich "besitzt ein kulturelles Verständnis für Osteuropa, das die Schweiz nicht haben kann", sagt Bär. "Das ist hier ein Treffpunkt, in dem wir uns bewegen müssen."

In seinem neuen Domizil am Wiener Schottenring, das am Donnerstag eröffnet wurde, sind vier Senior Private Banker tätig, sieben könnten es in naher Zukunft sein. Auf eine Banklizenz will Bär aber weiterhin verzichten, die Buchungsplattform bleibt in Zürich. Abgesehen vom Österreichgeschäft, das auf Stiftungen und Spezialfonds spezialisiert ist, will Bär von hier aus in den neuen EU-Länder Kunden gewinnen. Russland und die anderen GUS- Staaten werden weiterhin von Zürich bedient.

Offen für Fremdanbieter

Trotz einer intensiven Fondsproduktion sei die Bank ausgesprochen offen für Fremdanbieter, was den Kunden zugute kommt. Bei GAM in London gebe es 100 Mitarbeiter, die andere Fonds untersuchen und beurteilen. "Ich kenne keine andere Bank, die das hat."

Die aktuelle Unsicherheit an den Weltmärkten bereitet Bär wenig Sorgen. Im Gegenteil: Die Euphorie in den Emerging Markets hätte zuletzt bereits der New-Economy-Blase der neunziger Jahre geähnelt. "Die Märkte sind nach einem historisch langen Bullenmarkt nervös geworden, aber die Weltwirtschaft steht fundamental nicht anders da als vor einem Monat", sagt Bär. "Wir werden einen volatilen Sommer erleben, doch das Gewitter wird vorüberziehen. Für vernünftige, diversifizierte Anleger ist die eine willkommene Korrektur - außer, man ist im Cabrio unterwegs und hat das Dach nicht zu." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.6.2006)

  • "Wir sind die einzige Bank, die nur zwei Dinge tut: Kundenbetreuung und Performance Management.", so Raymond Bär.
    foto: standard/cremer

    "Wir sind die einzige Bank, die nur zwei Dinge tut: Kundenbetreuung und Performance Management.", so Raymond Bär.

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