US-Ökonom Rifkin fordert "dritte industrielle Revolution"

27. Juni 2006, 13:02
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Umstieg auf Wasserstoff als Energiequelle gefordert - "Wir sind die Öl-Menschen" - US-Einmarsch im Irak "zweites Vietnam"

Wien - Der "europäische Traum" von Nachhaltigkeit, Menschenrechten und globalem Frieden benötige zu seiner Verwirklichung eine demokratische Energiepolitik. Dies sagte der US-Ökonom Jeremy Rifkin am Donnerstag in seinem Vortrag auf dem 7. Wiener Globalisierungssymposium. Daher müsse die heutige Generation ihre Anstrengungen auf eine "dritte industrielle Revolution" durch den Umstieg auf Wasserstoff als Energiequelle konzentrieren, forderte Rifkin.

"Wir sind die Öl-Menschen. Die ganze Welt dreht sich um Erdöl", so Rifkin. Aus dieser "Oil-connection" seien drei Hauptprobleme entstanden: Die globale Erwärmung, die Verschuldung der Dritten Welt sowie die wachsende Instabilität des Nahen Ostens und der Erdöl produzierenden Länder. Naturkatastrophen wie etwa der Wirbelsturm "Katrina" in New Orleans seien eine "globale Erwärmung in Echtzeit". Die globale Erwärmung sei "die größte negative Tat der Menschheit". Auch die Verschuldung der Dritten Welt ist laut Rifkin hauptsächlich auf Erdöl zurückzuführen: "Seit 30 Jahren versuchen die Länder der Dritten Welt für Öl zu zahlen, das sie sich nicht leisten können". Kohle, Erdöl, Gas und Plutonium seien "Elite-Energieformen", sie würden die Welt in "Besitzende" und "Nicht-Besitzende" trennen.

Ölreserven

Nachdem Experten ausgerechnet hätten, dass die Erdölreserven vermutlich in 20 bis 30 Jahren aufgebraucht seien, "wissen wir ja, warum die amerikanischen Truppen im Irak stehen", so Rifkin. Mit dem Einmarsch im Irak habe die amerikanische Regierung "ein riesiges Problem" geschaffen, "ein zweites Vietnam, in dem wir gefangen sind", sowie eine neue Generation von Terroristen. Der Anschlag vom 11. September auf das World Trade Center war laut Rifkin "symbolisch". "Wenn die Terroristen es ernst meinen, greifen sie Kraftwerke und Pipelines an, und wenn sie es sehr ernst meinen, Atomkraftwerke". Daher sei es ein "pathologisches Verhalten", im "Zeitalter des Terrorismus" als Ausweg aus den schwindenden Erdölressourcen auf Atomenergie zu setzen.

Rifkin proklamierte als Lösung für einen schrittweisen Ausstieg aus den fossilen Energieformen mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen als Energiequelle. Der einzige Nachteil des umweltfreundlichen Wasserstoffs sei, dass man ihn aus einem anderen Stoff gewinnen müsse. Da Wasserstoff auf der ganzen Welt vorkomme, könnte seine Verwendung die erste wirklich demokratische Energiepolitik der Geschichte sein. Dies würde die "dritte industrielle Revolution" einläuten, deren größter Profiteur die Dritte Welt sein könnte. "Sobald auch die Dritte Welt Zugang zu Stromversorgung hat, würde die wahre Globalisierung von unten nach oben beginnen", so Rifkin.

In seinem Bestseller "Der europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht" (2004) hat der Wirtschaftsexperte Jeremy Rifkin, Präsident der "Foundation on Economic Trends" eine europäische Zukunftsvision beschrieben, die sich auf Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit konzentriert. (APA)

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    foto: standard/cremer
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