Die Rassistin

12. Juni 2006, 09:04
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Andere Knaben ziehen nach dem dritten oder vierten "Nein" mehr oder weniger gekränkt ab – von schwarzen Jungmännern ...

... bekommt U. dafür ein "racist bitch" umgehängt. Wie das Amen im Gebet.

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Es war gestern. Da hat U. gemeint, sie werde nie wieder tanzen gehen. Weil es ihr jetzt reiche. Das mit diesen Männern. Sie lasse sich nämlich nicht alles an den Kopf werfen ­ egal von wem und egal um welche Uhrzeit. Denn es genüge wohl nicht, dass sie gewisse U-Bahn-Stationen und Straßenbahnlinien mittlerweile meide – aber so wie die Sache sich mittlerweile entwickle, fehle nicht viel und sie werde wirklich zu dem, was ihr da ständig vorgeworfen wird: Zu einer Rassistin.

U.s Problem ist nämlich, dass sie gut aussieht. Nicht so gut, dass sich Männer vor ihr fürchten, aber doch locker gut genug, um Blicke und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Außerdem präferiert U. einen modischen Stil, für den sie von uns regelmäßig Schelte bekommt. Oder Gelächter. Oder eine Mischung davon. Aber U. steht da drüber – und dazu, dass sie eben an mindesten vier von sieben Tagen auf Vorstadtdiscotussistyling steht. Mit allem, was da dazugehört. Oder was man da eben weglässt. Das sei, betont U., ihr gutes Recht. Und aus.

Weibchenschemablick

Darüber hinaus wendet U., wenn man sie direkt ansieht, nicht brav weibchenschemaschamhaft den Blick ab – sondern schaut zurück. Und meistens lächelt sie dabei auch noch. Zumindest das, sagt U., werde sie sich jetzt abgewöhnen, wenn sie von Männern mit schwarzer Haut angesprochen wird.

Weil die – und weil U. hier von ihrer ganz persönlichen Erlebnisempirie spricht, beharrt sie darauf, hier einfach und pauschal „die“ zu sagen – nach einem Lächeln mit einem „Nein“ nicht umgehen könnten. Österreichische Jungmännchen, hormongesteuerte Ex-Yugoslawen oder anlassige Jungtürken könnten zwar auch ziemlich lästig sein – aber Schwarzafrikaner, meint U., seien das Letzte.

Beknackte Gangster-Attitüde

Und das läge gar nicht an der stereotypen, völlig beknackten Hip-Hop- oder Gangster Attitüde von bettelarmen Buben, die sie in der U6 so anmachen, als würden sie sich mindestens in einem Ferrari oder einem Hummer neben ihr einschleifen. Das, meint U. rege ja fast ihre Muttergefühle an. Es läge auch nicht wirklich an der Betonung oder Erwähnung etlicher Zentimeter an männlichen Vorzügen, die man jetzt noch in der (deswegen?) tiefsitzenden Hose habe, aber schon bald ... Das, meint U., firmiere bloß zwischen skurril und ungustig. Und, sagt U., es läge auch nicht daran, dass die schwarzen Knaben in den Öffis drei von vier Fällen en passant irgendwann auch das Wort „Dope for free“ fallen ließen. Das, sagt U, sei einfach nur deppert.

Was sie, sagt U., mittlerweile fast präventiv grantig dreinblicken lasse, sobald sich ein Afrikaner daran mache, sie anzusprechen, sei das unvermeidliche Totschlagargument, dass ihr um die Ohren geschnalzt werde, sobald ihr kontstantes „No“, „No thank you“, „Very nice, but really: No“ dann doch durch die Testosteronmauer gedrungen sei: Was sie denn gegen Schwarze habe, wäre ­ als Frage formuliert - die Ausnahme. Meist käme das „Racist“, „you are a fucking racist“ oder das „racist bitch“ nach dem dritten oder vierten „Nein” mit Vehemenz und wie ein Hammer über sie.

Schuldgefühle

Anfangs, sagt U., habe sie sich deswegen sogar schuldig gefühlt. Einmal sei sie deshalb sogar auf einen Kaffee mit gegangen (und hatte dann, da seien weiße und schwarze Männer ja wirklich gleich) wochenlang eine vollgebrabbelte Mailbox. Mittlerweile zucke sie, sagt U., nicht einmal mehr mit den Augenbrauen, wenn sie von einem verschmähten Afrikaner öffentlich beschimpft werde – aber bestimmte U-Bahnstationen miede sie deswegen schon seit längerem.

Nun aber reiche es ihr: Im Tanzlokal ihrer Wahl sei – nicht zuletzt, weil sie und ein paar Freundinnen dem Türsteher und dem Geschäftsführer in den Ohren gelegen seien, dass das offensichtliche Nichthereinlassen dunkelhäutiger junger Männer einfach Scheiße sei (und sie deswegen einen dauerhaften Lokalwechsel überlegten) - seit ein paar Wochen die Apartheid auch für Buben abgeschafft (schwarze Mädchen hatten nie Türprobleme gehabt). Und prompt ertappe sie, sagt U., sich dabei, sich nach den Zeiten der Rassentrennung zurück zu sehnen.

Weil das Öffi- und Öffentlicher-Raum-Balzwording schlagartig auch hier um sich gegriffen habe. Auch, dass sie jedes Mal, wenn sie versuche, das Problem im Freundeskreis zu thematisieren, nur komische Blicke ernte. Oder die Rüge, dass „sowas aber gar nicht pc“ sei. Sie solle sich nicht so anstellen. Das schlimmste sei aber, dass sie langsam tatsächlich schon vor dem Angesprochen werden sauer werde. Also rassistische Vorurteile entwickle. Und eigentlich, betont U., fände sie das ziemlich unsympathisch.

  • Stadtgeschichten von Thomas Rottenberg

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