Ekstatische Schwerstarbeit

8. Juni 2006, 17:21
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Dirigent Christian Thielemann im Gespräch über seine Aufnahme von Wagners "Parsifal"

Zur Zeit ist er nicht unterwegs, sondern an jenem Ort, der bisher von seinen gefürchteten Absagen verschont geblieben ist. Christian Thielemann weilt in Bayreuth, wo er den kommenden "Ring" probt. "Ich wohne seit Jahren im selben kleinen Hotel außerhalb Bayreuths. Ich versuche, Reisen zu reduzieren, Tourneen finde ich anstrengend. Bayreuth dagegen ist geradezu familiär und entspannt. Wenn die Aufführung allerdings naht, spielen die Nerven aller Beteiligten schon ein bisschen verrückt", sagt der Wolfgang Wagner-Fan.

Diesen Stress nimmt er gerne auf sich, anderen weniger, besonders jenen, der mit ständigem Unterwegssein verbunden ist. Es sei ja schwer genug, als Künstler die Gleichzeitigkeit von dicker Haut und Sensibilität zu halten: "Das ist für mich tatsächlich ein ungelöstes Problem. Man soll rüde, unerzogen und unverschämt sein. Andererseits soll man diese feinsten Antennen haben." Zudem sei da auch noch der emotionale Aufwand bei der Arbeit: "Der ist groß, und das ist mühsam und manchmal auch belastend. In intensiven Konzertphasen achte ich drauf, dass ich genug schlafe, ich lebe fast klösterlich. Zwei Stunden in eine Ausstellung und dann zum Konzert - das ist nichts für mich. Wagners "Tristan" ist etwa diese Art von Oper, die nicht so oft sein muss. Da sind Dinge, die einen zu sehr mitreißen. Reißen sie einen aber nicht mit, sind sie schlecht aufgeführt."

Auch die nun vorliegende "Parsifal"-Aufnahme (Universal) war aufreibend. "Die Aufnahme ist nur wegen der Live-Möglichkeit und der Wiener Staatsoper möglich, aber es musste alles in drei Aufführungen laufen, und das war extra Stress für alle. Dass wir das überhaupt geschafft haben, ist toll. Wie der ,Tristan' ist das aber eine schöne Visitenkarte." Sie wurde mit den Philharmonikern erarbeitet, denen sich Thielemann verwandt fühlt: "Unsere erste Begegnung war gleich sehr schön, und jetzt passt es einfach! Es gibt ja Menschen, bei denen man glaubt, man würde sie seit der Kindheit kennen. Bei den Philharmonikern habe ich dieses Gefühl, als wären wir verwandt. Es ist einmalig, dass sie Oper und Konzert spielen. Das ergibt eine große Flexibilität. Tempi muss man nicht diskutieren."

Bei "Parsifal" ist er mit den Philis beeindruckend unterwegs. Im Vorspiel erzeugt er Magie, schafft wunderbare Klangeindrücke und -schichtungen und ist vom Tempo her kaum eine Minute langsamer als Boulez (1971, Deutsche Grammophon), also im ausgewogenen Bereich unterwegs. Sein Gefühl für Intensität sorgt aber später auch für ekstatische Würze, und immer wieder gelingen ihm Ausflüge in Bereiche schwebender kammermusikalischer Poesie. Eine wunderbare Balance zwischen diversen Ausdrucksvaleurs herrscht vor. Die vokale Seite der Produktion macht das Vergnügen zu einem echten: Waltraud Meier (Kundry) lässt die Intensität ihrer Bühnenarbeit erahnen, sehr gediegen Franz-Josef Selig (als Gurnemanz); klangschön, aber doch angestrengt und wortundeutlich Placido Domingo (als Parsifal). Sehr solide hingegen Falk Struckmann (als Amfortas), Ain Anger (als Titurel) und Wolfgang Bankl (als Klingsor). Tolle Sache insgesamt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.6.2006)

Von Ljubisa Tosic
  • Christian Thielemann
    foto: deutsche grammophon / münchner philharmoniker

    Christian Thielemann

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