Weg gegangen, Platz gefangen

13. November 2006, 14:32
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Schreibtisch, Stuhl und Aktenschrank - das sind die Grundzutaten für den eigenen Arbeitsplatz

Im neuen nonterritorialen Büro von Beyond Consult kann es mitunter jedoch passieren, dass der Arbeitsplatz, auf dem man gestern noch gesessen ist, heute schon besetzt ist.

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Über Büroarchitektur kann man viele Worte verlieren. Zwei ganz bestimmte Begriffe darf man dabei aber keinesfalls außer Acht lassen: Mobilität und Flexibilität gehören zum etablierten PR-Grundwortschatz, der mittlerweile in keinem Büro mehr fehlen darf. Doch die gebaute Realität sieht noch immer anders aus. Sie lehrt einen das blanke Entsetzen, wenn es darum geht, die postkartenbestückten Pinnwände und die gummibaumverstellten Arbeitszellen visuell und intellektuell zu erfassen. Und selbst in den vielen Versuchen, das Zellenbüro zugunsten eines offenen Raumkonzeptes zu verlassen, wird jede noch so kühne Großraum-Idee des Architekten von verzweifelten Angestellten konterkariert.

Das Ich siegt über das Wir

Mit persönlichen Duftnoten wird das eigene Revier abgesteckt. Die viel propagierten offenen und transparenten Büros mitsamt den gern beworbenen Glastrennwänden kann man lange suchen. Denn es siegt das Ich über das Wir.

"Neue Bürowelten und Bürolandschaften sind die Zukunft, das ist klar", erzählt der überzeugte Architekt Dustin A. Tusnovics, "vielleicht wird das Büro ja überhaupt eliminiert - arbeiten kann ich heute von überall." Dass Tusnovics weiß, wovon er spricht, beweist sein Büroprojekt für das Wiener Unternehmen "Deloitte Consulting", das im Jahre 2000 mit dem "Office of the Year Award" ausgezeichnet wurde. Und nun gibt es einen weiteren Anwärter für die begehrte Auszeichnung, wieder aus der Feder von Dustin Tusnovics. Die Rede ist vom so genannten nonterritorialen Büro des Unternehmens Beyond Consult in der Wiener Favoritenstraße.

Das Prinzip des eigenen Arbeitsplatzes

Doch was ist ein nonterritoriales Büro? Tusnovics: "In manchen Unternehmens-Strukturen macht es keinen Sinn mehr, für jeden Mitarbeiter ein eigenes Büro einzurichten. Das Prinzip des eigenen Arbeitsplatzes ist damit aufgelöst." Beyond Consult sei genau so ein Beispiel. Die Consultingkonzepte entstehen zwar im eigenen Büro, doch die Implementierung erfolge dann direkt in den Büroräumlichkeiten der Kunden. "Die meisten Mitarbeiter sind ständig auf Achse, im Grunde genommen gibt es nur fünf fixe Arbeitsplätze." Und der Rest? Schlichte Tische, Zonierung der Arbeitsbereiche durch Glas, mobile Caddies und individuelle Aktenschränke zum Verschieben.

Klingt allerdings nicht wirklich neu. In der Wiener Homebase von IBM gibt es bereits seit mehreren Jahren ein ganzes Geschoss mit dieser mobilen Struktur. "Natürlich, das Prinzip ist in Österreich schon länger bekannt. Doch das nonterritoriale Konzept wird nicht aufgehen können, wenn Sie den Mitarbeitern lediglich ihren fixen Arbeitsplatz wegnehmen, ohne ihnen - im Gegenzug - einen Mehrwert zu bieten." Und dieser Mehrwert heißt Identität. Konkret umgesetzt bedeutet das, dass das 500 Quadratmeter große Büro der Beyond Consult in unterschiedliche Raumabfolgen mit völlig unterschiedlichen Charakteren zoniert ist.

Mit dem Notebook oder mit dem Kunden kann man dabei überall sitzen und stehen. Sei es in einem der Büros, in der Bibliothek, im Essbereich oder schlicht und einfach (und cool) an der Bar hockend.

Offene Loft-Strukturen

"Wir haben in diesem Büro das Corporate Environment über alles andere gestellt", erläutert der Architekt, "jedes Büro und jeder Nichtbüro-Bereich haben eigenständige Farbkonzepte und Raumstimmungen." Keine dunkle Teeküche, kein verrauchtes Sozialkammerl, stattdessen offene Loftstrukturen innerhalb eines spielerischen Rahmens. Bekannt ist dieses wohnzimmerartige Zonierungsmodell aus Großbritannien, doch in Kombination mit dem Aspekt der Non-Territorialität handle es sich dabei um ein mitteleuropäisches Novum. "Ein Mal ausprobiert, und die Leute wollen nicht mehr in ihr altes Büro zurück." Fragt sich nur, wie sich diese - noch in den Kinderschuhen befindliche - Entwicklung eines Tages auf unsere Wohnlaune auswirken wird.
(Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/08/06/2006)

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    foto: der standard/newald
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