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21. März 2007, 12:30
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Das beste Design aller Zeiten. Und die Designlandschaft Österreichs: Zwei Bücher verschaffen Überblicke und sind selbst Objekte der Gestaltung

Drei knallgelbe Bände, auf die nichts besser passt als die Bezeichnung "Ziegel", miteinander gute zehn Kilo schwer, heimzutragen in einem eigens konstruierten Plastikhalter; außen herum vor allem markante Zahlen, prima lesbar wie für den Hafenverkehr.

Und ein dezent zartblau-hellgrünes, kompaktes Taschenbuch, dessen Informationsdichte sich schon durch die Inhaltsangabe auf dem Cover darstellt.

Vor uns liegen zwei neue Varianten des alten Dialektikspiels Form und Inhalt. Bei den dreifachen "Phaidon Design Classics" (€ 150 / ca. 3.300 Seiten, Phaidon, London / New York 2005) wie bei der von Tulga Beyerle und Karin Hirschberger herausgegebenen "Designlandschaft Österreich 1900-2005" (€ 24,90 / 256 Seiten. Birkhäuser, Basel 2006) geht es um ebendieses, um Gestaltung aus aller Welt seit einer chinesischen Schere von 1663 (Phaidon) bzw. aus Österreich seit Thonets Stuhl Nr. 14 von 1859 (Birkhäuser) bis heute.

Bleiben wir kurz beim Inhalt, und vergleichen wir weiter. Das angelsächsische Werk will die "definitive" Sammlung von genau 999 industriell gefertigten Objekten von zeitloser Qualität präsentieren. Ein ehrgeiziges Ziel, dem sie zumindest insofern nahe kommt, als die Auswahl nicht nur abendländisch verengt getroffen wurde und jeweils gut begründet ist. (Die Entscheidung für Thonet etwa, in beiden Büchern auf der Hand liegend, wird ähnlich überzeugend argumentiert). Allerdings weist Phaidon die maßgebende "Expertengruppe" nicht namentlich aus. Und natürlich lässt sich die Menge der Auserwählten nicht willkürlich auf dreimal 333 festlegen. Spätestens in fünf Jahren wird man die Sache wieder ein wenig anders sehen - das allerdings teilt das Dreierpaket mit allen "ultimativen" Sammlungen.

Bescheiden und anspruchsvoll zugleich

Der Band von Beyerle und Hirschberger und ihren acht AutorInnen ist bescheidener und anspruchsvoller zugleich. Er ist geografisch eingegrenzt, nimmt aber die weiteren, teils transkontinentalen Bezüge hinein. Er verzichtet auf Monumentalität und erhöht dafür die Dichte und die Querbezüge der Information hin zu Firmen, Verbänden und Einzelpersonen. Und er fasst den Begriff Design weiter, unter Einschluss von Alltagskultur, alpinem Lebensgefühl und ethischen Kontroversen über das "rechte" Leben.

Und die Form? Wer Bücher über Gestaltung macht, dem wird besonders stark über die Schulter geschaut, wie er sie gestaltet. Der Zugang von Phaidon ist monumental und zugleich geradlinig, nämlich rein chronologisch. Am Ende jedes Bandes aber steht ein Schippel voll Verzeichnisse, die selbst ein Inhaltsverzeichnis nötig hätten.

Im Österreich-Band des Schweizer Verlags hingegen betont der Gestalter Walter Pamminger gleich im ersten Beitrag die vielen möglichen Lesearten. Statt eines linearen Vorgehens empfiehlt er ein modulares. Jede Eintragung verweist auf weitere Seiten. Der Raster des Buches dient ganz hinten zu mehreren statistisch-thematischen Visualisierungen (Wie viele der Designer sind weiblich? Wer kommt nicht aus Wien? usw.).

Als Nachschlagewerk über die österreichische Szene, so viel kann man jetzt schon sagen, ist Beyerle / Hirschberger unentbehrlich.

Als Überblick über die so praktischen wie schönen Dinge auf der weiten Welt erfüllen hingegen die Phaidon-Bände ihren Zweck. Mit ihrer Hilfe kann man ein Haus gut einrichten. Oder, anders gesehen, überhaupt eines bauen.
(Michael Freund/Der Standard/rondo/08/06/2006)

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    foto: aus dem buch
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