Unter Flachleuten

27. Juni 2006, 12:52
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Jeder Hüpfer zählt, wenn ein Stein übers Wasser fliegt - Was für Laien ein Spaß ist, der mittlerweile mit dem Weltmeistertitel bedacht wird, interessiert auch die Wissenschaft und Oliver Zelt

Russ Byar hat es geschafft. Der Mann mit dem Spitznamen "Rock Bottom" ist neuer Stone-Skipping-Champion. 30-mal segelte der Stein des Amerikaners über das Wasser, setzte kurz wieder auf und flog weiter, bis er in den Fluten des Huron-Sees, Bundesstaat Michigan, unterging. Byar setzte mit seinem Sonntagswurf eine neue Rekordmarke der Mackinac-Open.

Über 500 Besucher schauten am ersten Juliwochenende des vergangenen Jahres den Steinsegelsportverrückten bei heiterem Himmel und spiegelglattem Wasser zu. In einem Monat muss Titelverteidiger Byar, der bereits 2004 mit 21 Hüpfern siegte, wieder ans Ufer. Auf der Insel Mackinac, 470 Kilometer nördlich von Detroit gelegen, treffen sich dann die Besten, zum großen Teil US-Amerikaner, zu den Weltmeisterschaften 2006.

Geschichte des Steinspringens

Die Historie des Steinspringens, je nach Gegend auch Ditschen, Steinschnellen oder Klippen genannt, reicht bis ins späte Mittelalter zurück. Geschichtsschreiber berichten, dass bereits im Jahre 1583 verspielte Menschen Austernschalen übers Wasser tanzen ließen. Ein englischer König, so geht die Sage, hatte so viel Langeweile, dass er aus Spaß Geldstücke über die Fluten schleuderte. Schon der griechische Dichter Homer kannte das Spiel und berichtet von einer Partie zwischen Jason und Herkules, die kraft ihrer Oberarme Schilde übers Wasser krachen ließen. Shakespeare schrieb in der Urfassung von "Henry V" über das "stone-skipping", und auch US-Präsident George Washington soll es auf dem Potomac-River mit Silberdollars versucht haben. Washington, glauben Historiker, sei allerdings für Geldspielereien viel zu geizig gewesen.

Auch Eskimos und Beduinen lassen sich die vermeintliche Kinderei nicht nehmen - wahlweise auf Eis oder Wüstensand. Seit 1973 listet das "Guinness-Buch der Rekorde" eine Bestleistung unter dem Namen "Ducks and Drakes". Zehn Jahre lang hielt die offizielle Bestmarke. 38-mal berührte der Stein aus den Händen von Jerdone Coleman-McGhee, einem amerikanischen Ölarbeiter, das Wasser des texanischen Blanco River, ohne unterzugehen. Dabei flog der Stein in weniger als fünf Sekunden mehr als 100 Yards weit. Seit dem 14. September 2003 heißt der neue Champion Kurt Steiner. Der Amerikaner ließ seinen Stein 40-mal über einen Fluss im Bundesstaat Pennsylvania hüpfen. Es waren sogar mehr, schwören Augenzeugen. Doch auf einem Videoband sind lediglich 40 immer kleiner werdende Wasserkreise zu sehen.

Für Weltrekordehren muss jedes Auftreffen des Steines auf das Wasser zu sehen sein. Doch es bleiben Gefahren: Äste im Wasser, Bäume im Kamerafeld, Unschärfe. 1977 verschwand der Stein von John Kolar - mit 28 auch einmal kurzzeitig Weltrekordhalter - nach zwei Dutzend Hopsern im Nebel. Aus Frust über seine miese Ehe, so erinnert sich der 58-jährige Ex-Weltbeste Coleman-McGhee, begann er eines Abends in einem kleinen, spanischen Fischerdorf, Steine ins Hafenbecken zu werfen. Das war Ende der 70er-Jahre. Es klappte sehr gut. Einheimische und Touristen staunten über den Amerikaner, klatschten Beifall, denn mancher Stein schaffte das halbe Hafenbecken. Schnell waren für die Fischerkinder die nachmittäglichen Lehrstunden des fremden Amerikaners interessanter als die morgendlichen auf der Schulbank.

North American Stone Skipping Association

Der Steinwurf-Guru gründete 1989 die North American Stone Skipping Association, kurz Nassa. Im selben Jahr noch kürte die Nassa die erste Weltmeisterin. Es siegte eine zweiundzwanzigjährige texanische Studentin mit 23 Hopsern. Der Stein sollte, so rät der Meister, etwa so groß wie eine Handfläche sein und so schwer wie ein Tennisball. Dann zwischen Daumen und Mittelfinger nehmen, kurz entspannen und dann möglichst mit einer geschickten Drehung aus dem Handgelenk werfen. Nicht die Kraft ist es, weiß Coleman-McGhee, sondern "die Schnelligkeit, mit der er losfliegt." Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Gilt normalerweise ein triangelförmiger, flacher Stein als bestes Wettkampfgerät, war der Weltrekord-Stein viel zu dick für Idealmaße.

Bei den Meisterschaften in Michigan prüfen aufmerksame Schiedsrichter die Steine ganz genau. Öl und Fett für einen schnittigeren Flug gelten als Doping des Steinspringens. Die Stone-Skipper-Gemeinde hat selbstverständlich auch eine eigene Sprache. Ein Stein, der beim ersten Mal sinkt, ist für Insider ein Plonk. Das Sechser-Stein-Set nennen die Sportler Chukker, die letzten kurzen Hopser, bevor der Stein versinkt, Pitty-Pat, und der Finalsinker ist ein Gerplunking. Damit die Zuschauer sich nicht langweilen, installierten die Veranstalter bei den letzten Weltmeisterschaften eine Uhr. Innerhalb einer Minute, ähnlich der vorgeschriebenen Anlaufzeit beim Skispringen, mussten die Teilnehmer ihre Steine auf die feuchte Reise schicken.

Rotationsenergie und physikalischen Winkelschwüngen

Bedeuten sieben oder acht Hopser für den Amateur schon Können, gepaart mit Glück, überlassen Wissenschafter nichts dem Zufall. Sie reden von Rotationsenergie und physikalischen Winkelschwüngen, die den Stein davor bewahren, nach rechts oder links abzukippen. Stattdessen zieht er parallel zum Wasser seine Bahnen, dank des Effets, der aus einer leichten Drehung des Handgelenkes beim Abwurf entsteht. Und warum er nicht gleich beim ersten Hüpfer untergeht, ist auch wissenschaftlich bewiesen. Die kinetische Energie, die aus der Schnelligkeit des Abwurfes stammt, lässt den Stein immer wieder abheben. So lange, bis das Wasser sich alle Energie geholt hat, der Stein sinkt.

Also, so schlussfolgern nicht nur Profis, kürzeste Wasserberührung sichert dem Stein einen langen Flug. Lyderic Bocquet, Physikprofessor aus Lyon, wollte es genau wissen. So brütete er tagelang in seinem Labor und bastelte aus Form, Geschwindigkeit, Wasserwiderstand, Neigungswinkel und Drehmoment eine wissenschaftliche Formel. Demnach, so glaubt Bocquet, muss einen Stein für den aktuellen Weltrekord zehn Zentimeter lang sein, mit 40 km/h die Hand verlassen und einen Spin von 14 Umdrehungen pro Sekunde aufweisen. Dabei allerdings, so gibt Theoretiker Bocquet zu, müsse der Neigungswinkel zwischen Stein und dem Wasser immer derselbe sein. Der Franzose will seine Forschungen nun perfektionieren und eine Steinschleuder bauen sowie mithilfe moderner Kameras die Ein- und Absprungphasen genauer untersuchen.

Welches ist das ideale Wasser?

Jerdone Coleman-McGhee geht einen anderen Weg. Für den Ex-Champion bleiben andere Fragen: Ist das salzreiche Tote Meer das ideale Wasser für neue Rekorde? Oder etwa der geringe Luftwiderstand am 3812 Meter hoch gelegenen Titicaca-See in Bolivien? Und fliegt durch die Erddrehung und die unterschiedliche Anziehung nun der Stein auf der Südhalbkugel besser als im Norden? Für all diejenigen, denen stundenlange Kieselsuche schon vorher die Laune verdirbt, kreierte die Delfter Firma Treeplast im Juni 1999 ein Dreierset Kunststeine. Dreieckig, abgeflacht, so wie sie sein müssen. Aus holzähnlichem Material, das sich im Wasser, umweltpolitisch korrekt, sogar auflöst.
(Der Standard/rondo/08/06/2006)

Oliver Zelt (41) lebt als freier Journalist in Berlin und beschäftigt sich am liebsten mit Themen rund ums Wasser.

stoneskipping.com
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    foto: der standard
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