Trainiertes Gemeinschaftsgefühl

7. Juni 2006, 21:27
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Erwin Ortner, Gründer und Leiter des renommierten Arnold Schönberg Chores, über eine lange Zusammenarbeit

Der Arnold Schönberg Chor ist bei der styriarte ein Dauergast. Erwin Ortner, Gründer und Leiter des renommierten Chores, über Sinn und Sinnlichkeit einer langen Zusammenarbeit.


"Ich habe mir immer gewünscht, dass er uns nimmt", fasst der Chorleiter zusammen, wie die Arbeit mit Nikolaus Harnoncourt vor fast dreißig Jahren begann. Chorpartner des Maestros war in den 1970er-Jahren noch der Schwedische Rundfunkchor. "Aber der Concentus Musicus Wien sollte mit einem Wiener Chor musizieren."

Der Wunsch ging erstmals 1978 mit Händels Jephtha in Erfüllung. Arbeitsweise und der gemeinsame Zugang zur Musik haben aus Harnoncourt und dem Schönberg Chor mittlerweile feste musikalische Partner geformt. "Harnoncourt ist ein gewissenhafter Arbeiter", attestiert Erwin Ortner. "Im Klavierauszug trägt er jede Phrasierung, jede Artikulation genau ein. Da können auch Anweisungen stehen wie: 'muss klingen wie Lemuren' oder 'Hölle' oder 'am Marterpfahl'".

Das Bild des Chorleiters, der monoton Töne einstudiert, ist längst überholt. "Der Chor ist Teil eines Ganzen. Ich bin so etwas wie ein Coach, ein Trainer. Harnoncourt kommt immer von einer genauen, bildlichen Vorstellung. Ihm ist es gleichgültig, ob ein Schlussakkord droht, zu tief zu werden. Er will ein Diminuendo. Die vokale Umsetzung ist meine Aufgabe." Erstklassiges "Handwerk" ist Voraussetzung. Daran feilen Chor und Chorleiter akribisch. "Das Singen kommt aus der Sprache. Es ist ein ganz wesentliches Merkmal des Arnold Schönberg Chors, von der Sprachmelodie auszugehen und sie auszudeuten."

Den Feinheiten jeder Sprache widmet Erwin Ortner besonderes Ohrenmerk. "Die eine ist eher rund, wie das Italienische, oder linear wie das Französische. Das muss man erforschen. Daher ist es etwa unmöglich, Händels Messias auf Deutsch zu singen. Die Vokale und die Sprachmetrik sind verschieden."

Beherrscht der Chor Sprache und Klangfarben eines Werkes, setzt die inhaltliche Arbeit ein. Der Punkt, an dem Chor und Dirigent künstlerisch seelenverwandt sind. "Was hat der Komponist sagen wollen, inwieweit hat er das auskomponiert? Damit muss ich mich auseinandersetzen. Das klinkt sich exakt in die Arbeit von Harnoncourt ein, der mit der Tiefe seines Zugriffs auf Musik solitär dasteht - auch wenn manches extrem ist." Mit Stolz erzählt Ortner von einem Kompliment, das Harnoncourt gemacht hat.

"Auf die Frage, was er am Arnold Schönberg Chor am meisten schätze, hat er einmal gesagt: 'Die Intelligenz.' Es geht um mehr, als sauber und gleichzeitig einzusetzen oder darauf zu achten, dass die Bässe nicht zu laut sind." Klugheit beweist Ortner auch bei der Programmgestaltung. Ein Muss sind die A-cappella-Konzerte. "Sie sind die Kammermusik der Vokalisten", meint er mit Nachdruck. "Die Chorkultur kommt vom A-cappella-Singen." Den Veranstaltern müsse Ortner die Programme oft erst schmackhaft machen, den Luxus des Solistischen finanziert sich der Chor mit den repräsentativen Großprojekten.

Pfiffig erzählt Ortner von manchem Vertragsgespräch: "Ich sag den Veranstaltern: 'Zahlen Sie, so viel Sie können, das ist immer noch zu wenig' - und dann fahren wir trotzdem hin. Wir brauchen a cappella." Neben der Konzerttätigkeit hat sich der Chor auch auf der Opernbühne einen Namen gemacht. Feste Heimat ist seit Kurzem das Theater an der Wien. Ortner sieht darin die Verdichtung einer alten Tradition. "Unser erstes Opernprojekt war am Theater an der Wien, 1987, Schuberts Fierrabras in der Regie von Ruth Berghaus. Von da an hat der Arnold Schönberg Chor regelmäßig bei den Wiener Festwochen gesungen, wenn im Sommer das Musical Pause hatte." Die Zustimmung, sich als Chor im dritten Opernhaus zu verpflichten, war an eine strikte Bedingung geknüpft.

Keine Routine

"Die Außergewöhnlichkeit muss erhalten bleiben", sagt Ortner: "Der Stagione-Betrieb ist gut für uns. Proben, Aufführung, nächstes Projekt. Sollte ein Routineschlendrian im Chorbereich einreißen, musikalisch oder menschlich, höre ich auf." Von Aufhören kann bei der styriarte keine Rede sein. "Es ist immer spannend. Wir freuen uns jedes Jahr darauf."

Neben Schumanns "Faust-Szenen" singt der Schönberg Chor Bachkantaten in der Pfarrkirche Stainz. Der Ort bringt Ortner ins Schwärmen. "Wunderbares Ambiente. Die Kirche ist herrlich, man kann erstklassig arbeiten." Zwinkernd fügt er hinzu: "Der Schilcher schmeckt gut, und alle sind friedlich."

Ortner ist Chorleiter aus Leidenschaft. Seit fast 35 Jahren. "Ich war Sängerknabe. In der Hofburgkapelle, als Bub, habe ich erstmals das Gefühl von Musik und Gemeinschaft erlebt. Wenn ich den Chor einsinge, macht das Spaß. Ich führe ein bisserl Schmäh, necke die Leute, gebe dieses Gemeinschaftsgefühl weiter. Mit Chor und Orchester zu arbeiten, das ist mein Leben, das nützt sich auch nicht ab." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Petra Haiderer

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