Zu einem musikalischen Roman

7. Juni 2006, 21:04
posten

Porträt des spanischen Gambisten und Dirigenten Jordi Savall

Er gehört zu den musikwissenschaftlich gründlichen Musikern und ist dennoch ein Garant für volle Häuser. Der 1941 in Igualada geborene Gambist und Dirigent mit dem markanten Profil wie aus den Bildern El Grecos ist seit 1993 ständiger Gast bei der styriarte und besitzt neben Nikolaus Harnoncourt inzwischen so etwas wie Kultstatus beim alljährlichen steirischen Musikfestival.

Savalls Weg: Nach dem Schulchor und einer kurzen Zeit in einer Rock-'n'-Roll-Band (Gitarre, Harmonika, Percussion) änderte eine Probe von Mozarts Requiem, der er als Zuhörer beiwohnte, sein Musikverständnis von Grund auf. Er beschloss, Musiker zu werden, und begann in Basel Cello zu studieren. Durch ein Konzert von Pablo Casals auf die alte Musik aufmerksam gemacht, wuchs sein Interesse an den damals noch weit gehend unbekannten Klängen.

Der Barockkomponist Marin Marais erweckte in ihm dabei besonderes Interesse, und Savall entdeckte, dass dessen Musik ursprünglich für Gambe notiert worden war, ein damals nur mehr in Museen zu betrachtendes Instrument. Es gab kaum editiertes Notenmaterial für die Gambe, Savall machte sich auf die Suche, in Archiven von europäischen Museen, Klöstern oder Bibliotheken.

"Da war überall diese wunderbare Musik, doch sie schlief", so Savall, der 1974 gemeinsam mit seiner Frau, der Sängerin Montserrat Figueras, und dem Lautenisten Hopkinson Smith Hespèrion XX (heute XXI) gründete, ein Originalklangensemble. "Der Originalklang war die wichtigste Entdeckung der Musik im 20. Jahrhundert, eine Revolution", so Savall, der sich als Historiker auch intensiv für die von der Vernichtung durch Säurefraß bedrohte alte spanische Musik einsetzt und auch sein eigenes Label Alia Vox gründete, das auch einen Hit produziert hat: Der Soundtrack zu Alain Corneaus Film Die siebte Saite war Anfang der 90er monatelang in den Charts - als wahrer Exot stand er zwischen Michael Jackson und Queen sogar auf Platz zwei.

Bei der diesjährigen styriarte ist Savall mit drei Projekten vertreten. Gemeinsam mit Hespèrion XXI und dem 1987 von ihm gegründeten Vokalensemble La Capella Reial de Catalunya widmet er sich gemeinsam mit Montserrat Figueras den Gesängen und Tänzen der Jakobsweg-Pilger sowie der Musik aus dem "Don Quijote".

Auch Cervantes

Aus den erhaltenen Fragmenten und instrumentalen Bearbeitungen rekonstruierte Savall die Melodien zu den Texten von Cervantes. "Es ist ein unglaublich musikalischer Roman. Ich glaube, in keinem anderen Werk ist so viel Musik enthalten."

Mit Haydns "Jahreszeiten", gespielt von dem in Graz ansässigen recreation Orchester und dem chorus sine nomine, steht ein Werk der Klassik auf dem Programm. Für Savall steckt in Haydns Zyklus auch ein Stück Utopie. "Die Mahnung an uns Menschen, die Natur zu achten, ist vielleicht sogar das Aktuellste, was man tun kann." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Robert Soula

22., 25., 29. und 30. Juli

Share if you care.