Tiefgründige Heiterkeit

7. Juni 2006, 21:03
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Eine Iván-Eröd-Personale in Graz

"Das gab es noch nie - ein ganzes Orchesterkonzert fast nur Eröd!" Iván Eröd, der im Jänner seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, sitzt in seinem mit Partituren, Büchern, Schallplatten und Tabakpfeifen angefüllten Arbeitszimmer und lächelt verschmitzt. Sein Cellokonzert, das in der Helmut-List-Halle uraufgeführt wird, ist gerade fertig geworden und liegt in einer sorgfältig handgeschriebenen Partitur noch auf dem Flügel:

"Es hat vier Sätze und dauert etwa 30 Minuten. Das wär's eigentlich", meint Eröd halb ironisch, halb im Ernst. Er spricht nicht viel über sich und meint, seine Musik solle sich besser direkt im Konzert mitteilen: "Ich glaube für meine Person, dass die emotionelle Seite der Musik sehr wichtig ist, und hoffe, dass sich das auch auf den Hörer überträgt."

Biografische und persönliche Bezüge würden meist überbewertet, sinniert der 1956 aus Ungarn geflüchtete und in Wien lebende Komponist. Auf einschneidende Erfahrungen aus seiner Jugend - seine Großeltern und sein älterer Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet - hat er dennoch auch künstlerisch reagiert, am eindringlichsten im Liederzyklus "Über der Asche zu singen".

Auch das Cellokonzert trägt eine Spur der Erinnerung, in der Widmung "in memoriam fratris": "Mein Bruder Endre stand am Beginn einer Karriere als Cellist, als er mit 20 Jahren in Buchenwald umkam. Sein Spiel bildete meine frühesten musikalischen Eindrücke, ich höre ihn noch heute spielen. Deshalb habe ich eine enge Beziehung zum Cello, und deshalb bin ich auch gerne auf die Initiative von Rudolf Leopold eingegangen, ein Konzert für dieses Instrument zu komponieren."

Während der Grundgestus von Eröds Musik überhaupt, aber auch der des Cellokonzerts trotz seiner Tiefgründigkeit von Musizierlust und Heiterkeit geprägt ist, bildet das zweite Werk der Personale, die zweite Symphonie, dazu einen Kontrapunkt: "Es ist eher eine Ausnahme, dass ich musikalisch unmittelbar auf meine Umwelt reagiere. Damals hat mich aber der Zorn über die politische Situation dazu gebracht, einmal nicht den Weg vom Dunkel zum Licht, sondern umgekehrt von einer heiteren zu einer düsteren Stimmung zu beschreiben. Und ich habe mir auch geschworen, erst wieder eine Symphonie zu komponieren, wenn sich die Verhältnisse ändern."

Ansonsten liebt der Homo politicus Iván Eröd weniger die Klage als die feine Spitze und die geschliffene Formulierung, was sich auch in seiner Vorliebe für einen anderen österreichisch-ungarischen Komponisten äußert: "Als Ergänzung des Programms habe ich eine Haydn-Symphonie vorgeschlagen. Haydn habe ich als Pianist viel gespielt und schon in den Siebsigerjahren zwanzig seiner Klaviersonaten aufgenommen. Mit ihm fühle ich mich wesensverwandt, vor allem im musikalischen Humor, der ja mitunter auch sehr bissig sein kann." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Daniel Ender

20. 7., Helmut-List-Halle

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