Geschärfter Blick für die Klassik

7. Juni 2006, 21:02
posten

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard musiziert mit dem Chamber Orchestra of Europe und solo

Der Mann, der als Moderne-Spezialist galt, setzt dabei seine Auseinandersetzung mit dem traditionellen Repertoire fort. Ein Porträt.


Dieser Mann ist schlicht ein Phänomen. Über Jahrzehnte hinweg hat er ausschließlich als Spezialist für Neue Musik gegolten - und als was für einer: Nicht nur zum Publikum sprang der Funke über, wenn er sich an die komplexesten, von so manchen Kollegen im besten Fall korrekt buchstabierten Partituren machte, wenn das scheinbar Abstrakte plötzlich Sinn ergab.

Auch die Komponisten dieser Partituren wussten die Fähigkeiten von Pierre-Laurent Aimard schon früh zu würdigen: Von Pierre Boulez wurde er, noch keine 20 Jahre alt, hoch geschätzt und gefördert. Und György Ligeti erklärte den Ausnahmemusiker zu seinem Lieblingsinterpreten und zum besten Pianisten für Neue Musik, der nicht nur Ligetis exorbitant schwierigen Etüden wie mühelos meisterte, sondern auch als unspielbare Papiermusik verschriene serielle Werke wie die "Structures" von Boulez mit Leuchtkraft versieht. Doch dann ließ Aimard wie über Nacht mit Programmen des traditionelleren Repertoires aufhorchen, etwa in seinem späten Debüt in der Carnegie Hall 2001: Er war damals immerhin bereits 44.

Beethoven, Debussy oder Liszt: Urplötzlich schien seine mit stupender Technik verbundene Emotionalität, die noch aus den hermetischsten Klanggebilden puren Ausdruck herausholt, auch tausendfach gehörten Werken neue Facetten abzuringen.

Doch so von ungefähr kam dieser Durchbruch nicht: Jahrelang hatte der akribisch arbeitende Pianist nämlich nebenbei immer auch die Tradition gepflegt, wollte sich aber bewusst Zeit lassen - und natürlich auch die Gelegenheit nutzen, mit einigen der profiliertesten zeitgenössischen Komponisten zusammenzuarbeiten. Dass sich schon früh seine Wege mit zwei der bedeutendsten von ihnen kreuzten, war wohl für alle Beteiligten ein Glücksfall.

Dem ersten von ihnen begegnete er mit zwölf: Aimard studierte am Pariser Konservatorium Klavier bei Yvonne Loriod, die mit Olivier Messiaen verheiratet war. Daraufhin lud ihn der Meister in seine Kompositionsklasse ein, wo er mit Studenten quer durch die Musikgeschichte Stücke analysierte. Die Analyse wurde ein Steckenpferd für das Talent - und diese Kurse bei Messiaen bilden sicherlich eine essenzielle Erfahrung, deren Früchte man ihm bei jeder Note, die er spielt, anmerkt.

Mit 19 entdeckte ihn dann Pierre Boulez und lud ihn in sein Ensemble Intercontemporain ein, wo das frisch gebackene Gründungsmitglied das Repertoire der Moderne in jener Breite kennen lernte, in der es Boulez pflegte: französische Tradition bis zu Messiaen, Wiener Schule, aber auch US-Komponisten wie Eliot Carter und John Cage oder die gerade aktuelle Spektrale Musik.

Viele Begegnungen

Aimard war in dieser Zeit nach eigenen Worten ein "Boulez-Fanatiker": "Ich habe alles von ihm gelesen, analysiert und natürlich vor allem gespielt." Neben diesem Engagement verfolgte er aber stets auch noch andere Ziele: So reiste er etwa zu György Kurtág nach Budapest oder zur Artur-Schnabel-Schülerin Maria Curcio nach London und nahm sich stets Zeit für Begegnungen mit den unterschiedlichsten Künstlern.

Kein Zweifel, dass ihm diese Offenheit und dabei vor allem die Arbeit mit zeitgenössischer Musik ganz wesentlich auch die Sinne für das herkömmliche Repertoire geöffnet hat, von dem er meint, es sei "viel zu kostbar, um es einfach links liegen zu lassen". Eines jener Projekte mit so "kostbaren" Werken, das in Österreich besondere Resonanz fand, bildeten auch die im Rahmen der styriarte zu erlebenden Beethoven-Klavierkonzerte mit Harnoncourt.

Spontan wie der Musizierstil, den die beiden an den Tag legen, war auch ihre Zusammenarbeit zustande gekommen. Harnoncourt forderte Aimard bei einer Begegnung auf, "ein paar Töne zu spielen". Von der gewählten Beethoven-Sonate war der Dirigent sofort so begeistert, dass er den Pianisten einlud, die Konzerte gemeinsam zu erarbeiten. Der Gattung Klavierkonzert widmet sich Aimard auch heuer wieder mit Mozart, wobei er das Chamber Orchestra of Europe vom Klavier aus leiten und auch bei einer Symphonie dirigieren wird - eine Zusammenarbeit, von der eine Live-Aufnahme der letztjährigen Konzerte Zeugnis ablegt.

Wenn Mozart für Aimards Liebe zum Detail geradezu prädestiniert scheint, so gilt dasselbe auch für das Programm des Klavierabends ("Glückes genug"): Wie dieses Programm mit "Kinderstücken" beweist, liebt er auch die kleinen Formen, liebt es auch, unterschiedliche Stücke zusammenzustellen. Auch hier zeigt sich die Fähigkeit, ausgehend vom Einzelnen, den Blick für das Ganze zu schärfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Daniel Ender

1./2. 7. Mozart pur

3. 7. Glückes genug.

Share if you care.