Mit dem Schiff den Bach entlang

7. Juni 2006, 20:57
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Heinrich Schiff spielt als styriarte-Gast am 14. und 15. Juli im Stefaniensaal alle sechs Suiten für Cello solo von Johann Sebastian Bach

Graz war allerdings schon vor 34 Jahren ein wichtiger Startplatz der Karriere des auch international als Dirigent gefragten Cellostars.


Es gibt nicht wenige, die den aus Linz gebürtigen Heinrich Schiff für einen Grazer halten. Dies kommt nicht von ungefähr - war diese Stadt doch für seine Karriere von beträchtlicher Bedeutung.

Freilich ist das schon lange her. Man schrieb das Jahr 1972. Da richtete man innerhalb des steirischen herbstes auch das Weltmusikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik aus, auf dessen Programm die Erstaufführung von Witold Lutoslawskis Cellokonzert stehen sollte. Als Solist war Mstislaw Rostropowitsch vorgesehen.

Allein, das Ausreiseverbot aus der damaligen Sowjetunion, mit dem der Meistercellist wegen seines Eintretens für Alexander Solschenizyn seit dem Jahr 1971 vom Breschnew-Regime belegt war, blieb trotz heftigster diplomatischer Interventionen und entgegen anfänglich ermutigender Signale aufrecht.

Also hieß es in aller Eile einen Ersatz finden. Kein einfaches Unterfangen: Das Werk war neu und der Solopart höllisch schwer.

Da brachten Friedrich Cerha und Avantgardemusik-Guru Lothar Knessl einen jungen Cellisten ins Gespräch, der sich, wenn auch erst 20 Jahre alt, als Interpret zeitgenössischer Musik schon mehrfach bewährt hatte. Alsbald war der hoffnungsvolle Jüngling auf der steirischen Bürgeralm, wo er gerade mit Freunden feuchtfröhlich urlaubte, aufgestöbert und nach Graz einberufen.

Man drückte ihm die Noten in die Hand und verfrachtete ihn eiligst nach Zagreb, um Witold Lutoslawski, der sich gerade in der kroatischen Hauptstadt aufhielt und jedem etwaigen Ersatzmann für Rostropowitsch begreiflicherweise sehr skeptisch gegenüberstand, Gelegenheit zu geben, den rasch aufgegabelten Einspringer auf Eignung zu prüfen. Und Schiff hat die Prüfung bestanden. Sein Grazer Auftritt am 10. Oktober 1972 wurde zu einem für ihn außerordentlich folgenreichen Erfolg.

Da es bei Veranstaltungen, wie ein IGNM-Weltmusikfest es ist, zumindest damals nicht nur vor Musikjournalisten aus aller Welt, sondern auch vor Programm-Mächtigen der verschiedensten Rundfunkstationen und Musikveranstaltern geradezu wimmelte, war Heinrich Schiff im Handumdrehen ein Spezialist für die Interpretation zeitgenössischer Cellomusik.

Sehr zum Unwillen seines damaligen Agenten, der für ihn gerade für den Termin seines Grazer Debüts mit Lutoslawski in Bratislava ein Konzert mit konventionellem Programm abgeschlossen hatte und mürrisch fragte, ob dieses moderne Werk, das er mit einem eher respektlosen Ausdruck zu bezeichnen beliebte, vielleicht nicht doch jemand anderer spielen könne.

Doch dieses piekfeine Konzert in der slowakischen Metropole war nicht das Einzige, was Heinrich Schiff absagen musste. Als Externist des Wiener Wasa-Gymnasiums hätte er just zu diesem Zeitpunkt nach einem mit maßvollen Enthusiasmus betriebenen und durch seine musikalischen Interessen immer wieder prolongierten Gymnasialstudium endlich seine Matura machen sollen. Daraus ist damals fürs Erste auch nichts geworden.

Diesmal tritt Schiff, mittlerweile nicht nur ruhmreicher Cellist, sondern auch als Lehrer und Dirigent international gefragt und geschätzt, in Graz keineswegs als Einspringer auf, sondern als Interpret von Johann Sebastian Bachs sechs Suiten für Violoncello solo. Übrigens nicht zum ersten Mal.

Bach-Start im Dom Vor mehr als zwanzig Jahren hat er sie schon mit berührender Konzentration im Grazer Dom im wahren Sinn des Wortes zum Besten gegeben. Diesmal ist der Stefaniensaal der Schauplatz jener beiden Bach-Abende vom 14. und 15. Juli, die laut Programm "das pure Glück" verheißen.

Zumindest vom Hörensagen kennt Heinrich Schiff das pure Glück mit dem Solocello freilich auch anders. Ein etwas "verrückter" Onkel erzählte ihm nämlich oft von seinen allsommerlichen Aufenthalten bei einem Freund, der sich in Griechenland angesiedelt hatte. Wenn es Abend wurde, holte dieser sein Cello hervor und begann im Inneren des Hauses Bach zu spielen, während der Onkel am Balkon sitzend mit Blick aufs Meer seinen Rotwein genoss.

Eine solche Stimmung hält Schiff der Intimität dieser Werke für besonders angemessen. Denn die erzählerische Vielfalt, mit der Bach hier in Noten berichtet, macht diese sechs Suiten ganz wörtlich zur intimen Kammermusik. Und die Kunst des Interpreten besteht darin, diese Intimität zu wahren.

Die Schwierigkeit dieses Unterfangens liegt allerdings vor allem im schmalen Schwankungsbereich der Dynamik. Die erlaubten Extreme der Lautstärke liegen einander viel näher als bei anderen Werken. Und trotzdem ist es nötig, sich zwischen dem Forte- und dem Pianopol der Bachsuiten mit genauso vielen dynamischen Nuancen zu bewegen wie bei Werken mit herkömmlicher Dynamik.

Wie etwa in jenen Musikbezirken, in denen er sich als Dirigent besonders zu Hause fühlt, in der Welt der deutschen Symphonik. Weil er das Wort "deutsch" nicht so besonders mag, bessert er sich aus und sagt "mitteleuropäisch". Bekennt aber dann doch wieder einschränkend, dass er Debussys La Mer erst viermal dirigiert hat, während Werke von Beethoven, Bruckner, oder Mahler dutzende Male.

Besonders beeindruckt hat ihn im Dirigentenmetier Nikolaus Harnoncourt während der 80er-Jahre, als er begann, das bei seiner Arbeit mit Originalinstrumenten entwickelte interpretatorische Instrumentarium - nicht zuletzt in seinen Konzerten bei der styriarte - auf herkömmliche Orchester zu übertragen. So gesehen ist es vielleicht doch nicht ganz so falsch, Heinrich Schiff als Grazer zu bezeichnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Peter Vujica
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