Musikadvokat des Unbewussten

8. Juni 2006, 00:48
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Dirigent Nikolaus Harnoncourt widmet sich bei der diesjährigen styriarte den Werken von Robert Schumann und Johann Sebastian Bach

Besonders Schumanns "Faust-Szenen" sind ihm ein Anliegen, ein Werk der Romantik, das nach Harnoncourt in gewisser Weise die Erkenntnisse von Sigmund Freud vorwegnahm.


Sollte dereinst eine Hitparade der schönsten Sätze erstellt werden, die das heurige Mozartjahr hervorgebracht hat, wird auch der Urhebername Nikolaus Harnoncourt nicht fehlen dürfen: "Mozart war nie zehn Jahre alt!", meinte er unlängst und brachte so die Unerklärbarkeit mancher frühreifen Musikelaborate des Salzburger Meisters auf den schönen Punkt.

Ist Harnoncourt in diesem Jahr auch um musikalische Mozart-Statements nicht verlegen, so hält er sich bei der styriarte diesbezüglich zurück, um allerdings in den nächsten Jahren doch wieder zu Mozart Kontakt aufzunehmen. 2008 wird er bei der styriarte Idomeneo nicht nur dirigieren, sondern auch inszenieren. Das ist natürlich Schnee von Übermorgen - sein Interesse gilt momentan Robert Schumann und Johann Sebastian Bach.

Schumanns "Faust-Szenen" verkörpern für ihn einen "spiralenförmigen Aufstieg in die unerreichbare Seligkeit". Das Faktum, dass Robert Schumann an Goethes Text - gegen seine sonstigen Gepflogenheiten - fast kein Wort verändert hat, spreche laut Harnoncourt für die Genialität der Vorlage. "Schumann hat aber genau die Szenen ausgesucht, die für seine Idee der Erlösung wichtig waren."

Schumann hat die drei Szenen innerhalb von neun Jahren komponiert. Die Verschiedenheit des musikalischen Stils passe sich aber auch der Unterschiedlichkeit der einzelnen Szenen Goethes an, so Harnoncourt über dieses Werk der deutschen Romantik. Gerade die Romantik sei es gewesen, die psychologische Vorgänge erstmals durchschaut, erkannt und befragt habe, so Harnoncourt übrigens. "Die Romantik war nicht um hundert Jahre zu früh, sondern Freud hundert Jahre zu spät!"

Harnoncourt kämpft schon seit Längerem für die Werke von Robert Schumann. Dass der deutsche Romantiker wenig von Instrumentation verstanden habe, dem stimmt er nicht zu. Auch dass die späten Werke Schumanns ob der fortschreitenden seelischen Erkrankung des Komponisten etwas an Substanz vermissen lassen, diese Behauptung weckt bei ihm Widerspruch.

Solcher Widerspruch ist bei Bach natürlich nicht nötig. Da geht es mehr um die Frage, inwieweit Harnoncourt, als Vordenker und Vollender der Originalklangbewegung, mittlerweile womöglich etwas von seinem ästhetischen Weg abgekommen ist - schließlich setzt er etwa bei seiner Interpretation der Kantaten Wir müssen durch viel Trübsal und Freue dich, erlöste Schar keine Knabensolisten mehr ein.

"Jede musikalische Entscheidung ist eine Annäherung an die bestmögliche Lösung", so Harnoncourt. "Sicherlich wären Knabenstimmen ideal. Es ist aber Tatsache, dass Knaben heutzutage früher in den Stimmbruch kommen." Außerdem: "Gestalterische Reife" der Solisten sei ihm wichtiger als Originaltreue, so Harnoncourt.

Ich gelte als kompromisslos. Das stimmt aber nicht. Das ganze Leben besteht aus Kompromissen. Kompromisslos war nur der Hitler! Ich mache schon einen Kompromiss, wenn ich in der Früh aufstehe!" Nun ja, das hat schon auch Grenzen.

Als Harnoncourt noch vor vielen Jahren Cellist bei den Wiener Symphonikern war, kam es zu einer Aufführung von Mozarts g-Moll-Symphonie, nach der er endgültig beschloss, Dirigent zu werden. "Ich wäre wahrscheinlich als Orchestermusiker vor zehn Jahren in Pension gegangen, wenn dieses Werk nicht so oberflächlich gespielt worden wäre." Ein Kompromiss zwischen der Realität des Orchesteralltags und seinen eigenen herangereiften Vorstellungen war nicht mehr möglich.

Auch bei gewissen Komponisten bleibt Harnoncourt eher unerbittlich. Christoph Willibald Gluck hält er für einen großen Musikdramatiker, aber für einen "schlechten Komponisten". Hector Berlioz schätzt er auch nicht besonders. Und bei Gustav Mahler "höre ich immer nur ,ich, ich, ich!' - das ist nichts für mich."

Hinter all den überraschenden Zuneigungen (etwas für Bizets Carmen) und Abneigungen (auch gegen fixe Posten) steht wohl der Wunsch, künstlerischen Freiraum zu erleben, musikalische Überzeugungen zu transportieren. Um die man auch zu kämpfen hatte, beginnend in den 50er-Jahren, als sich in Harnoncourts Josefstädter Wohnung einige Enthusiasten begannen, in die Historie zu vertiefen. Die Bedingungen waren hart: Geld war knapp, ungefähr die Hälfte des Einkommens ging in den Erwerb alter Instrumente. Nach dem Symphonikerdienst ging es mit dem Vergrößerungsapparat an die Entschlüsselung der Noten. Ein Werk wurde abgeschrieben, in Partitur gesetzt, dann durchgespielt und mitunter als uninteressant verworfen. Die Bedingungen haben sich geändert, aber die Lust, sich quellenstudierend in Werke zu vertiefen und zu Einsichten abseits des Meinungsmainstream zu kommen, ist gottlob geblieben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Ljubisa Tosic
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