Hommage abseits der Legende

7. Juni 2006, 19:56
posten

Filmdoku über das Living Theatre: "Resist!" - Ab jetzt im Kino

Wien - Das Living Theatre erlebte als vazierende pazifistisch-performative Eingreiftruppe in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts seine Hochblüte. Zu Zeiten, als die Performance ihren Namen bekam und aktionistische Kunstformen mehr denn je politisch motiviert waren. Das 1948 von Judith Malina und Julian Beck in New York gegründete Living Theatre formierte sich (spontan) an offenen Plätzen oder in Off-Häusern und spielte: gegen die Todesstrafe, gegen den Krieg. Im europäischen Exil schrieb sich das Living mit Stücken wie Paradise Now oder Antigone in die Annalen des künstlerischen Freiheitskampfes ein.

Die vor allem nach Becks Tod 1985 oft totgesagte Interventionstruppe existiert mit einer heute 80-jährigen Judith Malina als Zentrifugalkraft noch heute. Doch die zur Lebensform erhobene Kunst erscheint heute historisch überholt. Das verhehlt auch der Berliner Theater- und Filmregisseur Dirk Szuszies in seinem Dokumentarfilm nicht. In Resist!, 2003 in Zusammenarbeit mit Karin Kaper entstanden, beobachtet er das unverändert unnachgiebige, aber weit gehend aus dem Blickfeld geratene Fortwirken der Living-Menschen heute.

Erfreulich uneilfertige Hommage

Szuszies, selbst einmal Living-Mitglied, hat die derzeit im italienischen Städtchen Rocchetta wie eine Jungschargruppe stationierte Gruppe drei Jahre lang mit der Kamera begleitet: nach New York an den Ground Zero, zum G 8-Gipfel nach Genua sowie zu einem Workshop in den Südlibanon. Er befragt ProtagonistInnen und Fans, KritikerInnen und Zaungäste, bleibt nah an den Aktionsfeldern. Dazwischen schiebt er Archivmaterial historischer Auftritte zu einer legitimen und erfreulich uneilfertigen Hommage.

Sein Film ist dort mitteilsam, wo es um die Grundlagen des Living geht und hält Abstand, wenn Umrisse der Legende spürbar werden. Ganz im Sinne von Malina, die unter ihrer wilden schwarzen Mähne angriffslustig quittiert: "Fuck the legend!" Szuszies bekennt im richtigen Tonfall die Grenzen des Living ein: Etwa, wenn Workshopteilnehmer in einem Hisbollah-Lager vor der vom Living ausgegebenen absoluten Gewaltfreiheit kapitulieren. Oder, wenn es nüchtern heißt: "Was heißt Living? - Leben im VW-Bus und billiger Wein." (DER STANDARD, Printausgabe 08.06.2006)

Von Margarete Affenzeller
Share if you care.