Kommentar: Schwächliches Geschlecht

7. Juni 2006, 19:50
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Die Investionen des Sozialministeriums in die neue Opfergattung des schwachen Mannes sind beträchtlich

Was bleibt von Schwarz-Blau-Orange? Auf jeden Fall das Phänomen des neuen, schwachen Mannes. Die Investitionen, die im Sozialministerium seit dem Jahr 2001 in den Imageaufbau dieser neuen, gesellschaftspolitischen Opfergattung gesteckt wurden, sind beträchtlich. Mit der Schaffung einer Männerabteilung wurde ihr Status politisch legitimiert, mit höchst fragwürdigem, um nicht zu sagen unseriösem Studienmaterial wird der öffentliche Diskurs weiter angefacht.

Phänomenologisch soll der neue schwache Mann - der sich etwa als Scheidungsopfer, Vater mit Doppelbelastung oder als Alleinerzieher manifestiert - wohl jene Opferfigur ersetzen, die unter sozialdemokratischer Dominanz die Geschlechterpolitik bestimmt hat: Überspitzt formuliert, war es die ausgebeutete, allein erziehende Billa-Kassiererin, die bis 2000 linke Frauenpolitik symbolisierte - und es zum Teil leider bis dato tut.

Nach der Wende ließen die konservativen Frauenpolitikerinnen keinen Zweifel daran, dass mit der freudlosen Opferrhetorik der Roten Schluss sein muss. Stattdessen präsentierten sie die gediegene Alleskönnerin getreu dem Parteimotto: "Stark, schwarz, weiblich" - und überließen es sträflicherweise den Freiheitlichen, Ersatz für die nun neu zu besetzende Rolle des Opfers auf der politischen Bühne des Geschlechterkampfes zu finden. Die Blau-Orangen, deren Kernwählerschaft immer schon aus Männern mit Underdog-Syndrom bestand, entdeckten den durch die Emanzipation der Frauen verunsicherten Vater als ihre Zielgruppe.

Dabei produziert Schwarz-Blau-Orange die Phänomene, die es als problematisch identifiziert, selbst: Mit Almosenpolitik à la Kindergeld lässt sich die Doppelbelastung junger Eltern nicht mindern - sie schwächt Frauen wie Männer gleichermaßen. (DER STANDARD, Printausgabe 08.06.2006)

Von Barbara Tóth
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