Keine Leiberln für den armen Fan

7. Juni 2006, 19:22
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Auch der Kunstmarkt weiß Fußball-Enthusiasten zu begeistern

Am 27. Juni gelangen bei Christie's in South Kensington originalverschwitzte Highlights der WM-Geschichte unter den Hammer.


London - Am sportlichen Eventhorizont wartet die Fußball-Weltmeisterschaft auf den Anpfiff. Am 27. Juni fällt die letzte Entscheidung der Achtelfinalrunde, für Christie's der Zeitpunkt, eine geballte Ladung Fußballgeschichte auf den Markt zu bringen. Dann findet in der South-Kensington-Dependance des Londoner Haupthauses eine der zweimal jährlich abgehaltenen Sport-Memorabilia-Auktionen statt: In der Kategorie Fußball ist Christie's dank entsprechender Rekordzuschläge klarer Marktführer:

Im März 2000 trennte man sich von Pelés Trikot aus dem 1970er-Finalspiel für nicht weniger als rund 226.000 Euro. Im Mai 2005 wechselte Großbritanniens ältester noch erhaltener Fußballpokal, der FA Cup von 1896-1910 für fast 694.000 Euro den Besitzer. Diese Trophäe ist die bislang teuerste aus der Geschichte des Kampfes um das Leder.

Zunächst dienten die Olympischen Spiele als eine Art Ersatz-WM. Von eingefleischten Olympioniken wurde das als wenig passend empfunden: Fußball sei keine Wettkampfsportart, sondern eine Showeinlage. 1930 fand in Uruguay die erste WM statt. Aus der Sicht des aktuellen Gastgebers sind die Highlights des Christie's-Sales Finger auf deutschen Wunden. 1966: Die Schweiz scheiterte in der Vorrunde, und Österreich hatte sich erst gar nicht für das Turnier qualifiziert. Am 30. Juli eröffnet der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst im Wembley-Stadion das Finalspiel der 8. Fußball-WM. Es beginnt furios und endet in der 101. Minute, mit einem der umstrittensten und gleichzeitig berühmtesten Tore der Geschichte, dem legendären Wembley-Tor: Geoff Hurst schießt den Ball an die Unterkante der Latte, von dort springt das Leder fast senkrecht zu Boden, bevor es der deutsche Goalie Wolfgang Weber aus dem Feld köpft. Endstand: 4:2 für England, sein erster und bisher einziger Titelgewinn der WM.

Unter den siegreichen Spielern befand sich mit der Nummer 2 Verteidiger George Reginald Cohen. Im Anschluss an die Niederlage tauschte Lothar - "Gib mich die Kirsche" - Emmerich sein Shirt gegen jenes von Cohen. Die Familie des Vizeweltmeisters trennt sich nun von der Trost-Trophäe, für die Christie's-Experten umgerechnet 21.500 bis 43.100 Euro erwarten.

Günstiger angesetzt sind Relikte aus dem Jahr 1986. Korrekt, Österreich zählte nicht zu den 24 teilnehmenden Mannschaften, und zur Austragung gelangte die 13. Fußball-WM in Mexiko. Im Finale standen Argentinien und Deutschland unter der Leitung von Franz Beckenbauer. Vor 117.000 Zuschauern musste sich der aktuelle Gastgeber 2:3 geschlagen geben. Die Schätzungen für das Trikot des argentinischen Verteidigers Julio Olarticoechea belaufen sich auf 4300 bis 7180 Euro, während für dessen WM-Medaille zumindest 29.000 Euro einzusetzen sind. An die erste Fußball-WM in Uruguay - die einzige, für die keine Qualifikationsspiele stattfanden und bei der Österreich dennoch nicht zu den antretenden Nationen gehörte - erinnert eine Medaille für den dritten Platz aus dem Besitz des amerikanischen Teamkapitäns Thomas Florie, taxiert auf umgerechnet etwa 14.000 bis 21.000 Euro. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von
Olga Kronsteiner
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