Warnung vor zu starker Zinssteigerung

8. Juni 2006, 13:56
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Bei der Sitzung der Europäischen Zentralbank wird eine weitere Erhöhung des Leitzinses im Euro-Raum erwartet

Wien/Luxemburg - Heute, Donnerstag, berät der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) über weitere Zinsschritte im Euro-Raum. Eine Erhöhung des Leitzinses wird erwartet. Uneinigkeit herrschte bei Analysten darüber, ob die Erhöhung 0,25 oder 0,50 Basispunkte betragen wird.

Vor allem die Pressekonferenz, die EZB-Präsident Jean-Claude Trichet nach der Zinsentscheidung geben wird, wird mit Spannung erwartet. BA-CA Zinsspezialist Gerhard Winzer erwartet, dass "Trichet ein wirtschaftsoptimistisches Bild zeichnen und ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von zwei Prozent im Euroraum nennen wird". Noch spannender dürften laut Winzer die Aussagen Trichets zur Inflationsentwicklung werden. Dass danach weitere Zinsschritte folgen, gelte als sicher. Bis März 2007 erwartet Winzer ein Zinsniveau von 3,25 bis 3,50 Prozent.

Auch RCB-Analystin Claudia Vince-Bsteh erwartet weiter steigende Zinsen im Euro-Raum und zwar jeweils um 0,25 Basispunkte. Die EZB hat ihren Leitzins seit Dezember 2005 wegen der gestiegenen Inflationsrisiken in zwei Schritten um jeweils 0,25 Prozentpunkte auf derzeit 2,50 Prozent erhöht.

Sorgen um den Euro

Der Euro notierte vor der Zinsentscheidung schwächer. Dies erklärt Winzer mit der Stärkung des Dollars aufgrund der "mittlerweile berühmten Rede von US-Notenbankchef Ben Bernanke". Dieser hatte Inflationsängste geschürt, woraufhin erwartet wird, dass auch die US-Notenbank die Zinsen weiter anhebt.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat der EZB wegen des grundsätzlich starken Euro von weiteren Zinserhöhungen abgeraten. "Ein steigender Leitzins birgt das Risiko, dass der Euro noch weiter aufwertet und damit zu einer Gefahr für die Konjunkturerholung wird", sagte Bofinger der Nachrichtenagentur dpa. Denn ein teurer Euro beeinträchtige die Wettbewerbsfähigkeit und gefährde die exportgetriebene Konjunkturerholung.

Der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser erklärte bei Beratungen der EU-Finanzminister in Luxemburg, solange der Euro in einer Bandbreite von 1,20 Dollar bis 1,30 Dollar verharre, sei das in Ordnung. "Wenn der Euro aber darüber steigt, wird das zumindest wieder Diskussionen über die wirtschaftlichen Folgen für die Euro-Zone auslösen", so ein Händler.

Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück hat ebenfalls in Luxemburg auch Zurückhaltung bei der Zinspolitik gefordert und der Zentralbank Europas eine "Geldpolitik mit Augenmaß" empfohlen. Es sei zwar die Aufgabe der EZB, Inflationstendenzen zu bekämpfen. Die hohe Inflation in einigen Mitgliedstaaten sei jedoch hausgemacht - durch zu hohe Lohnabschlüsse, überhitzte Immobilienmärkte sowie die starken Zuwächse bei den Krediten, meinte Steinbrück. Jeder Mitgliedstaat sei daher aufgefordert, selbstverantwortlich zu handeln. (bpf, APA, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

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