Der Fußball und die Evolution

7. Juni 2006, 19:06
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Morgen ist Anpfiff. Für Evolutionsforscher startet die Feldstudie "Fußball ist Dasein". Seit Darwins Entstehung der Artenerschien, ist bekannt, dass Lebewesen einem Selektionsdruck ausgesetzt sind, sich diesem anzupassen haben. Nur Erfolgreiche überleben.

Laut Jochen Lanegger vom Grazer Institut für Sportwissenschaft skizziert die WM diesen Erfolg im Selektionskampf am Beispiel der Spezies Fußballer. Dazu wird die Menschwerdungsgeschichte auf je 90 Minuten reduziert.

Schon bei der WM-Qualifikation - evolutionsgeschichtlich der Entwicklung vom Affen zum Hominiden gleichzusetzen - waren etliche Populationen, etwa die österreichische, dem Selektionsdruck nicht gewachsen, überlebende kämpfen nun um das Entwicklungsziel Homo sapiens.

Um das "Survival of the fittest"in so kurzer Zeit zu zeigen, wird zunächst künstlich ein Mangel an Ressourcen geschaffen, also bekommt nicht jeder Spieler einen eigenen Ball. Und schon beginnt der darwinistische Kampf ums Dasein, das Balgen um den Ball: Wer ihn sich und seiner Sippe sichert, bleibt, der andere geht.

Der Weg zum Homo sapiens wird auch von soziokulturellen Verhaltensstimuli begleitet. Die bisher erfolgreichsten Populationen bildeten sich aus jenen sozialen Nischen, in denen ein Sieg Anerkennung und die Chance, die Armutsgrenze zu durchbrechen, mit sich bringt: Mangels dieser "extrinsischen Motivation"in Wohlstandsnischen wird die österreichische Fußballpopulation vermutlich evolutionärer Ausschuss bleiben.

Dennoch darf sie sich erneut dieser Selektion unterziehen: Denn in der auf das Wesentliche reduzierten Welt des Fußballs haben selbst Opfer noch Chancen: eingebettet in eine Rechtsordnung, der sich alle Religionen und Ethnien unterwerfen und in der farbige Karten von Schiedsrichtern Symbol der Gewaltregulierung sind. Keinem ethischen System ist dies bisher gelungen - ach, wäre doch die ganze Welt ein Fußballplatz. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 8. Juni 2006)

Andreas Feiertag
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