Saunagänge und Salztabletten

21. Juni 2006, 14:27
42 Postings

Wie Politiker das Natürlichste der Welt bekämpfen: Schweiß

Wien - In der SPÖ-Zentrale hat man sich schon daran gewöhnt, dass die Körperlichkeit des Parteichefs unter besonderer Beobachtung steht. Die Debatten über seine Frisur ("Irokese"), seine modisch geschnittenen Anzüge ("Mao"), seine rote Aktentasche, zuletzt seine mit Schweißperlen besetzte Oberlippe - in den Augen der SPÖ alles von der ÖVP gesteuerte Fouls. "Der politische Stil hat sich unter Wolfgang Schüssel geändert", ist sich Kommunikator Josef Kalina sicher, "die ÖVP zielt immer direkt aufs Schienbein."

Die jüngste Diskussion war allerdings ein klassisches Eigentor: Gusenbauer selbst beschwerte sich über das seiner Meinung nach verschwitzte Klima im ORF-Studio während seiner "Pressestunde"Anfang Mai. Der ORF hielt dagegen, die Medien griffen den hitzigen Disput bereitwillig auf. "Es ist nicht besonders klug, so etwas selber aufs Tapet zu bringen", mein Politikberater Thomas Hofer, der im Übrigen den samtenen Glanz auf Gusenbauers Oberlippe nicht weiter dramatisch sieht. "Das kann schon mal passieren. Fatal wäre es nur bei einer direkten TV-Konfrontation mit Schüssel."

Wer dann schwitzt, verliert - das ist eine eherne Regel im an sich schweißtreibenden Politgeschäft. Generationen von Politsekretären sind folglich bereits daran gescheitert, bei ihren Chefs das Natürlichste der Welt zu verhindern: Transpiration.

Als politberaterische Hausmittel gelten Saunagänge und Salztabletten. Letztere empfehlen sich aber nur, wenn der politische Patient nicht dazu neigt, sich mit der Zunge über die Lippen zu fahren - dann nämlich quält ihn nicht der Schweiß, dafür aber der Durst.

Der Gang in die Sauna kann auch kontraproduktiv wirken. Legendäres Beispiel dafür ist der ehemalige ÖVP-Chef Alois Mock, der von seinem damaligen Medientrainer Gerd Prechtl im Wahljahr 1986 vor der TV-Konfrontation zur Entspannung in die Schwitzkammer geschickt wurde. Dampfend, aufgequollen und schlecht geschminkt scheiterte der zu diesem Zeitpunkt in allen Umfragen Führende an seinem Herausforderer Franz Vranitzky.

Dieser nahm dafür im Wahlkampffinale 1995 ein Schweißbad. Mit Grippe kämpfte er sich durch die Zweierkonfrontation mit ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel. Vranitzky verbarg sein Handicap nicht, sondern schlürfte sogar noch heißen Tee. Ich schwitze nicht aus Schwäche, sondern weil ich krank bin, lautete die Botschaft. Schüssel ging dennoch als Sieger hervor. Zwei Tage später, bei der Elefantenrunde aller Kandidaten, war Vranitzky dank Medikamenten wieder voll einsatzfähig - und brillierte.

Als Klassiker der "Wer schwitzt, verliert"-Regel gilt auch der Präsidentschaftswahlkampf 1992. Ein gehetzter, erröteter Rudolf Streicher (SPÖ) wurde bei der TV-Runde am Abend des ersten Wahlgangs - nicht zuletzt durch den Verstärkereffekt der Schlagzeilen der darauffolgenden Tage - vom Favoriten zum Versager. Das Meinungsklima wendete sich, der Herausforderer Thomas Klestil (ÖVP) gewann die Stichwahl.

Ein etwas aus der Mode gekommenes Hilfsmittel für den schwitzende Gentlemen, das Herrentaschentuch, wusste Medienkanzler Bruno Kreisky stets theatralisch einzusetzen. Möglich, dass es am Küniglberg bald wieder auftaucht: Auch sein Nachfolger Gusenbauer besitzt nämlich ein solches. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gusenbauer: "Sonst können wir uns da oben gleich in der Badehosen treffen."

Share if you care.