Schönberg-Funde in Franz Liszts Spätwerk

7. Juni 2006, 18:43
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Maurizio Pollini im Musikverein

Wien - Wenn Maurizio Pollini zielstrebig, leicht vorgebeugt seinem Klavier zueilt, könnte man meinen, die Noten, die er zu spielen gedenkt, würden ihn geradezu unter den Nägeln brennen. Dieses Brennen dürfte sich an diesem Abend jedoch in Grenzen gehalten haben, im Falle der ursprünglich geplanten Kreisleriana von Robert Schumann sogar in so engen, dass er diese kurzfristig gegen einen Chopin-Block (Ballade in g-Moll, die Nocturnes, op. 55 und die Fis-Moll-Polonaise, op. 44) austauschte.

Pollini zuzuhören ist freilich - egal, was er auch spielt - immer ein Erlebnis. Sogar dann, wenn man während Wolfgang Amadeus Mozarts einleitender c-Moll-Fantasie, KV 475 zunächst einmal damit beschäftigt ist, sich an den diesmal recht eigenwilligen Sound seines Instruments zu gewöhnen. Von der zweigestrichenen Oktave aufwärts klang es fast so verschnupft wie ein Großteil des Publikums nach E-Piano, zu dem das orchestrale Dröhnen der tieferen Lagen sehr auffällig kontrastierte.

Wenn dann, wie bei der insgesamt nicht sonderlich glanzvollen Wiedergabe der Werke von Chopin das Pedal über Gebühr lange gedrückt blieb, führte das zu überflüssig dissonierenden Sondereffekten. Jedenfalls ließ sich aus diesen die beruhigende Lehre ziehen, dass auch Götter letztlich doch nur Menschen sind. Und die dürfen schon auch einmal einen eher mäßigen halben Abend haben.

Denn in der zweiten, Franz Liszt gewidmeten Halbzeit erwies sich Pollini als faszinierender stilistischer Generalist, der aufgrund seines immensen Wissens um die musikalische Moderne auch in den Werken der Vergangenheit instinktsicher das Gegenwärtige aufzuspüren weiß.

Und dies vor allem in einer interpretatorisch zur Einheit verketteten Reihe von vier kurzen, in Liszts späten Lebensjahren entstandenen Klavierstücken (Nuages gris, Unstern, La lugubre Gondole, Richard Wagner-Venezia).

Schönberg-Nähe

Nicht von ungefähr standen einige dieser aller formalen Konvention entrückten Werke mit anderen von Franz Liszt im Vorjahr auch auf dem Programm eines Schönberg-Festivals in Essen. Auch Pollinis in ihrer Konzentriertheit atemberaubende Wiedergabe wurde zum eindringlichen Verweis auf das stilistische Exil, in das sich Liszt in seinem Alterswerk in mutiger Askese begeben hatte.

Seine H-Moll-Sonate hat Liszt freilich als Anfangsdreißiger geschrieben. Wenn Pollini den in diesem Werk klangfüllig aufschäumenden Enthusiasmus auch nur bewusst gezügelt Rechnung trug, sorgte er durch die mit bewundernswerter Brillanz erzielte Übersichtlichkeit seiner Interpretation für einen zu Recht bejubelten Abschluss. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2006)

Von Peter Vujica
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