"Müssen Kunden herausfordern"

19. Juli 2006, 14:15
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Der Präsident des ICCO, John Saunders, über Ethik, Internet und die Branche

STANDARD: Bei Ihrer Antrittsrede als Präsident des PR-Verbandes haben Sie ihre Branche dezidiert aufgefordert, ethisch zu handeln. Tut sie das nicht?

Saunders: Der Zugang zu Informationen ist viel einfacher, breiter geworden. Sie können sich nicht mehr darauf verlassen, dass sie im Unternehmen bleiben - Mitarbeiter stellen sie womöglich ins Internet. Das gilt für die gesamte Wirtschaft. Unsere Branche muss sich fragen: Wofür stehen wir? Sind wir nur Sprachrohre unserer Kunden oder sind wir ihre Berater? Wir dürfen sie nicht immer nur bestätigen, wir müssen sie herausfordern. Dafür und um als Quelle glaubwürdig zu sein, müssen wir selbst über jeden Verdacht erhaben sein.

STANDARD: Geben Sie mir ein Beispiel, wo die PR-Branche nicht ganz so ethisch vorging.

Saunders: Da brauche ich nicht weit schauen: Zwei unserer Mitarbeiter in Los Angeles wurden entlassen, weil sie einem Kunden weit überhöhte Preise verrechneten. Von PR-Agenturen gekaufte, vermeintlich unabhängige Experten kommen in unserer Branche auch vor.

STANDARD: Sie predigen, dass PR-Leute die Experten schlechthin für die Kommunikation über Internet, Blogs und dergleichen sind. Woher nehmen Sie diese Überzeugung?

Saunders: Wir verstehen die Kommunikation von Individuum zu Individuum, wie es Werbeleute einfach nicht können. In der Blogosphäre kommunizieren Sie sehr individuell, das sind keine Botschaften an einen Massenmarkt. Das Internet gibt uns sehr direktes Feedback. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2006)

John Saunders ist Präsident des Weltverbandes der PR-Agenturen namens ICCO. Harald Fidler fragte nach.

Zur Person

Saunders arbeitete als Sportjournalist und war frustriert, wie wenig PR-Leute von Journalismus verstehen. 1990 gründete er seine eigene PR-Agentur, die er zur größten seiner Heimat Irland aufbaute. Er verkaufte die Mehrheit an den PR-Multi Fleishman-Hillard, dessen Europageschäft er nun leitet. Nach Wien hat ihn die PR Group Austria geladen. Fallbeispiele für erfolgreiche Internetkommunikation von PR-Leuten vergaß er übrigens nachzuliefern.

Die Fragen stellte Harald Fidler.

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    foto: john saunders
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