Kopf des Tages: Das moralische Gewissen der Deutschen

14. Juni 2006, 15:36
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Erste Frau an der Spitze der Juden in Deutschland: Charlotte Knobloch

Den Karriereschritt, den Charlotte Knobloch am Mittwoch tat, hat sie seit Jahren angestrebt. "Normal" findet sie ihn eigentlich nicht. "Wir erleben, dass Juden sich immer mehr als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft wahrnehmen. Aber wir sind weit davon entfernt, von Normalität zu sprechen", sagt die neue Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, wenn sie über jüdisches Leben im "Land der Täter" spricht.

Die Wahl der 73-Jährigen zur Nachfolgerin des im April verstorbenen Paul Spiegel ist eine Premiere: Zum ersten Mal wird die politische Vertretung der jüdischen Gemeinschaft (105.000 Mitglieder in 87 Gemeinden) von einer Frau geleitet – und zum wohl letzten Mal von einer Überlebenden des Holocaust.

Die Tochter des angesehenen Münchner Rechtsanwalts und späteren bayerischen Senators Fritz Neuland überstand das Regime der Nationalsozialisten, weil die Haushälterin ihres Onkels sie auf einem fränkischen Bauernhof versteckte. Dort wurde das Mädchen trotz des Dorfgetratsches als uneheliches Kind der Katholikin ausgegeben. "Ich habe mich schon oft gefragt, warum ich gerettet wurde, warum gerade ich dieses Glück hatte", sagt Knobloch noch Jahrzehnte später. Ihr Vater wird als Zwangsarbeiter verschleppt, ihre Großmutter kommt in Auschwitz um. Sie verreise, erklärt sie der Enkelin vor dem Abtransport. "Aber ich wusste doch alles, ich wusste, dass meine Großmutter ins KZ kam", erinnert sich die Enkelin.

Nach dem Krieg leitet der Vater die kleine jüdische Gemeinde in München, Charlotte arbeitet in seiner Kanzlei, heiratet und bekommt drei Kinder. Als diese aus dem Haus sind, beginnt auch sie, sich in der jüdischen Gemeinde zu engagieren. 1984 übernimmt sie den Vorsitz der inzwischen drittgrößten Gemeinde in Deutschland. Seit 2003 ist sie auch Vizepräsidentin des Europäisch-Jüdischen Kongresses (EJC) und seit 2005 Vizechefin des Jüdischen Weltkongresses (WJC).

Als "Frau der deutlichen Worte" wird sie in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung einmal beschrieben. Schon 1999 wäre Knobloch gern Ignaz Bubis nachgefolgt, doch damals machte Paul Spiegel das Rennen. Knobloch ist beliebt, gilt als patent und kämpferisch. Dass München am 9. November dieses Jahres ein jüdisches Zentrum mit Synagoge, Gemeindehaus und Museum – respektvoll "Charlottenburg" genannt – bekommt, ist ihr zu verdanken.

1938 erlebte sie die Pogromnacht als kleines Mädchen, und seither sei ein Teil von ihr immer auf der Flucht gewesen, bekannte sie bei der Grundsteinlegung im November 2003. Im neuen Zentrum aber will die siebenfache Großmutter ankommen und wünscht es auch anderen: "Wir wollen Bürger, nicht nur Mitbürger sein." (Birgit Baumann, DER STANDARD, Print, 8.6.2006)

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