Herz der Einsamkeit

13. Mai 2005, 10:24
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Auf dem Stuart Highway kommt man direkt in die rote Mitte Australiens und begegnet der Leere und dem Werk der Elemente

Am liebsten isst Dave McConnell Krokodil. Frittiert, gegrillt, mariniert. Und manchmal sogar roh. "Das gibt Kraft", poltert der Australier mit dem zerknitterten Buschhut und dem verwegenen Stoppelbart. "Für Croc lasse ich alles andere stehen." Ein Blick in den Rückspiegel des Geländewagens. Die letzten Boten der nordaustralischen Tropen bleiben zurück. Der süßliche Duft der Eukalyptusbäume verliert sich bereits in der Geruchlosigkeit der Wüste. Termitenhügel wachsen aus der Erde wie steinerne Wälder. Sonnenverbranntes Gras, widerspenstiges Buschwerk, zähe Akazien. "Hier draußen werde ich wohl Känguru essen müssen", scherzt McConnell. Seit über 15 Jahren führt der irischstämmige Australier aus Darwin Besucher in die abgelegensten Winkel des Fünften Kontinents.

"Sie wollen mitten durchs Herz?", hatte er gefragt. In Gedanken schien er Pro und Kontra gegeneinander abzuwägen. McConnell entschied sich für den Trip durch die Wüste. Und für den Entzug: kein Krokodil für zwei Wochen. Durch Australiens Herz, also. Auf dem Stuart Highway von Darwin, der tropischen Hauptstadt des Northern Territory, quer durch das Zentrum des trockensten Kontinents der Erde bis nach Adelaide an der Südküste. 1861 durchquerte der Abenteurer John McDouall Stuart Australien auf dieser nach ihm benannten Route.

Heute ist sie durchgehend asphaltiert und zählt down under zu den beliebtesten Reiserouten. Die Fernstraße führt rund 3.000 Kilometer durch die Wüste. Durch Staub, Hitze und Kälte. Und in jene Vorzeit, als es hier nur Steine gab - und Götter. Über Jahrmillionen hinweg schliffen Wasserfluten die australischen Landmassen. Erhebungen verwitterten. Senken füllten sich mit Sedimenten. Die Natur wirkt hier seit jeher als Bildhauerin. Wind und Regen sind ihre Werkzeuge. Ihre Skulpturen, wie die Devil's Marbles - die Teufelsmurmeln, zeugen von der Kreativität der Äonen.

Die bis zu 450 Tonnen schweren und teilweise perfekt gerundeten Felsmurmeln liegen eine halbe Tagesreise südlich von Darwin um den Stuart Highway verstreut, als habe sie ein riesiges Kind nach dem Spielen dort liegen lassen. "Einfach wegrollen, die Dinger", scherzt McConnell und stemmt sich zum Spaß zwischen zwei haushohe Felskugeln. Sie rühren sich keinen Millimeter. Die Teufelsmurmeln, entstanden durch Erosion eines Granitmassivs, sind den Legenden der australischen Ureinwohner zufolge die Eier der Regenbogenschlange. Dieses mystische Reptil ist eines jener Schöpfungswesen, mit denen alles begann. Damals, in der Traumzeit, war die Welt wie neu. Und die Ahnen wanderten entlang ihrer songlines durch den Kontinent und sangen Menschen, Tiere, Pflanzen und Landschaften ins Leben. Danach zogen sie sich in Berge, Flüsse oder andere auffällige Landmarken zurück. Diese für die Ureinwohner heiligen Traumplätze bewohnen sie bis heute.

"Bis 1967 galten die Aborigines als non-people", brüllt McConnell gegen den Fahrtwind. Als Unpersonen im eigenen Land wurden sie von den weißen Einwanderern verfolgt, waren ohne Rechte und hatten keinen Zugang zum Bildungssystem. Auch als Staatsbürger waren sie nicht anerkannt. Erst 1992 wurde das Märchen offiziell richtig gestellt, die englische Kolonialmacht habe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts "leeres Land" besiedelt. Seither sind Ureinwohner in vielen Landesteilen vor Gericht gegangen, um traditionell begründete Landrechte einzuklagen. Im Northern Territory wird mit Staatsgeldern und Tantiemen der Bergbaugesellschaften zunehmend Land von und für Aborigines gekauft. Doch die Situation ist noch weit davon entfernt, sich zu entspannen.

Je mehr sich der Stuart dem Herzen Australiens nähert, desto einsamer wird die Landschaft. Hohe Dornbüsche scheinen über den endlosen, dürren Grasteppich zu wandeln wie gebeugte Riesen. Emus tanzen über rote Sandfelder. Mitten in dieser Weite verliert sich eine winzige Tankstelle. Dave McConnell fragt in der angeschlossenen Bar nach einem Stück Krokodil - vergeblich. Er begnügt sich mit drei stattlichen Cheeseburgern. Von hier aus führt der Stuart Highway schnurgerade zum Horizont. Gegenverkehr ist selten. Und McConnell lenkt, lässig in den Sitz gelehnt, mit zwei Fingern. Später muss er dann doch einmal links ran fahren. Ein Roadtrain nähert sich. Einem Wesen aus der Urzeit gleich schält sich der Lastwagen aus seiner Staubhülle. Der Saurier donnert vorüber: drei Anhänger, doppelstöckig, vielleicht 40 Meter lang. Für einen Moment verdunkelt sich der Himmel. Dann treibt der Wind die Staubwolke von der Straße.

In der Ferne schwimmen Kamele im Hitzeflimmern wie eine Fata Morgana. An einem alten Kühlschrank, der seinen Dienst am Straßenrand kurz vor Alice Springs als Briefkasten tut, verlässt McConnell den Highway. Die holprige Schotterpiste endet an der Veranda eines Holzhauses. Ein Mann im Schaukelstuhl trinkt Dosenbier. Sein nackter Oberkörper, Arme, Hände und Gesicht sind kräftig behaart. Doch über seinen buschigen Augenbrauen funkelt eine sonnengerötete Glatze: Hank O'Neel. Eine anstrengende Tagesreise von Alice entfernt führt O'Neel eine Station mitten im Outback. Diese Rinderfarm ist größer als so manches deutsche Bundesland. Von der Terrasse aus schweift der Blick über endloses Grasland. Rinder sind keine zu sehen. "Vieh versorgt sich selbst", erklärt O'Neel wortkarg. "Streift durchs Land."

Drinnen rauscht und knackt es. O'Neels Töchter, Annie und Claire, sitzen vor dem Funkgerät und sprechen die Daten der Besiedlung Australiens hinein - Geschichtsunterricht im Outback. In der School of the Air erhalten die Klassen täglich Unterricht per Funk. Der Lehrstoff wird mit der Post eingeflogen. Der Buschpilot nimmt die Hausaufgaben mit. "Unsere Lehrerin ist eine Stimme", erzählt Annie. "In Alice Springs." Auch die Mitschüler seien für sie nur Stimmen. Sphärisch klingen sie aus den Weiten des Outback.

"Ziemlich ruhig", meint O'Neel, kurz bevor die seit Minuten anhaltende Stille auf der Veranda unangenehm zu werden droht. "In der Trockenzeit . . ." Der Rest des Satzes endet in Geräuschen, wie sie ein absterbender Traktorenmotor verursacht. In der Trockenzeit, springt McConnell ein, werde das Vieh an den Wasserstellen auf Motorrädern zusammengetrieben. Wildes Vieh, das oft jahrelang keinen Menschen zu sehen bekommen habe. Nachdem es eingefangen ist, geht es nach Alice Springs und von dort aus per Bahn zum Schlachthof in Adelaide. Der Großteil des australischen Fleischs endet als Hamburger in den Vereinigten Staaten.

Von O'Neels Farm ist es für australische Verhältnisse nur ein Katzensprung bis zum Ayers Rock. Die Sonne blinzelt gerade über den Horizont. Kleine Wolken treiben im Himmel wie brennende Wattebäusche. Und der 600 Millionen Jahre alte Koloss färbt sich tiefrot. "Für die Aborigines ist der Monolith der Sitz der Regenbogenschlange", erklärt McConnell. "Und somit ein heiliger Berg." Viele Besucher sehen deshalb aus Respekt von einer Be- steigung ab. Eine schöne Alternative bietet der faszinierende Rundweg (9 km) um den Ayers Rock. Oder eine Wanderung durch das "Tal der Winde" in den Olgas, jenen magischen roten Felsbuckeln, welche die Aborigines Kata Tjuta nennen - viele Köpfe. Die Felsformationen zählen zu den eindrucksvollsten in Australien. Die senkrechten Schluchtenwände sind von Wind und Regen zernagt. Kuppeln, Türme, Zinnen spiegeln sich in winzigen Wasserlöchern. Vom Scheitel der Felsköpfe schweift der Blick über winzige isolierte Täler. Dort lecken grüne Graszungen scharfkantige Felszähne. So - oder so ähnlich - muss es in den Olgas schon seit Jahrmillionen aussehen.

Auf seinem weiteren Weg nach Süden spult sich der Stuart Highway ab wie Garn von einer Rolle. Die Monotonie der Landschaft zieht den Reisenden in ihren Bann. Das Outback fährt stets mit. Erst beim Opalsucher-Kaff Coober Pedy, 800 Kilometer südlich von Alice Springs, verändert sich das Land. Wo Blower den gebrochenen Stein aus Opalschächten saugen, steigen trübe Säulen in den Himmel wie Geysire aus Staub. Zehntausende solcher Schächte durchlöchern hier den Boden. Neben jedem erhebt sich kegelförmig der Abraum. Um Coober Pedy fühlt man sich auf den Mond versetzt - oder mitten in ein faszinierendes Feld bizarrer Maulwurfshügel. Südlich von Port Augusta weicht die Wüste zögernd ersten grünen Wiesen. Der Verkehr wird dichter. Noch 20 Kilometer bis Adelaide. Am Horizont schimmert bereits das Meer. Wie geschmolzenes Silber liegt es da. Mit einem gurgelnden Laut in der Kehle steigt Dave McConnell plötzlich in die Bremsen. Seine Augen haben zu leuchten begonnen. Auf dem Schild am Roadhouse steht in großen Lettern: Great Croc-Burgers, $ 1,95. (Der Standard, Printausgabe)

Von Michael Obert
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