CIA deckte NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann

30. Juni 2006, 13:11
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US-Geheimdienst kannte Versteck des ehemaligen SS-Obersturmbannführers bereits 1958

Washington/Berlin - Der US-Geheimdienst CIA hat eigenen Dokumenten zufolge den Aufenthaltsort des NS-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann verschleiert, um hochrangige westdeutsche Persönlichkeiten vor Enthüllungen über ihre Nazivergangenheit zu schützen. Aus am Dienstag veröffentlichten Akten des US-Geheimdiensts geht hervor, dass die CIA bereits 1958 vom westdeutschen Geheimdienst über Eichmanns Versteck in Argentinien informiert wurde.

Der aus Solingen stammende ehemalige SS-Obersturmbannführer war für die Organisation der Judenvernichtung verantwortlich und sorgte noch im Jahr 1944 selbst für die Ermordung von bis zu 200.000 ungarischen Juden. Den CIA-Dokumenten zufolge informierte ein westdeutscher Nachrichtendienst im März 1958 den CIA darüber, dass sich Eichmann seit sieben Jahren unter dem Decknamen "Clemens" in Argentinien versteckt halte. "Es sieht nun so aus, als ob Westdeutschland ihn 1958 hätte fassen können, wenn es gewollt hätte", sagte Timothy Naftali, Geschichtswissenschaftler an der Universität Virginia bei der Veröffentlichung der CIA-Dokumente. Oberste Ebenen der Konrad-Adenauer-Regierung hatten aber laut Naftali Bedenken wegen der Informationen gehabt, die Eichmann über Vertraute des Kanzlers ausplaudern könnte.

Dabei soll es vor allem darum gegangen sein, belastende Aussagen Eichmanns über Hans Globke zu verhindern. Der Jurist Globke wurde 1953 Staatssekretär unter Bundeskanzler Adenauer und soll den USA bei ihren antikommunistischen Aktivitäten in Westdeutschland geholfen haben. Globke hatte als Mitarbeiter des NS-Innenministeriums die Nürnberger Rassengesetze kommentiert. Die CIA soll später der Bundesrepublik auch dabei geholfen haben, bestimmte Informationen aus Eichmanns Tagebüchern unter Verschluss zu halten.

Das nun veröffentlichte Material umfasst 27.000 Seiten und erstreckt sich auf die Kontakte der CIA zu ehemaligen Nationalsozialisten. Die CIA-Papiere wurden unter dem 1998 beschlossenen Gesetz zur Veröffentlichung von Dokumenten über NS-Verbrechen freigegeben. Der israelische Geheimdienst Mossad fasste Eichmann 1960 in Argentinien und brachte ihn nach Israel. Er wurde in Jerusalem verurteilt und 1962 gehängt. (Reuters, AP, DER STANDARD, Print, 8.6.2006)

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    11. April 1961: NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag vor dem Jerusalemer Bezirksgericht.

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