"Rosinenmenschen"

7. Juni 2000, 13:47

Starke Ausprägung der "Ich-Werte"

Wien - Die gesellschaftliche Entwicklung zum "Rosinenmenschen, der sich die Rosinen herauspickt" bilanziert der Pastoraltheologe Paul Zulehner aus den Ergebnissen der "Europäischen Wertestudie 1990-2000". Eine Trendanalyse bestätige die stärkere Ausprägung der "Ich-Werte", so Zulehner am Mittwoch bei der Präsentation der Studie. Zur Absicherung der Selbstentfaltung sieht Zulehner allerdings eine stärkere Rückkehr zur Religion und zu traditionellen Werten wie Familie und Staat.

Abwendung von der Tradition

Eine "schnelle Abwendung von der Tradition", wie in den "fortschrittsgläubigen" 70er und 80er Jahren sieht Zulehner derzeit nicht. Im Gegenteil: Werte wie Religion, Familie und Freunde hätten gegenüber 1990 stark zugelegt. Auch wenn damit, wie im Beispiel Familie, häufig das "Lebensumfeld" und nicht die Institution Ehe gemeint sei, die 20 Prozent der Befragten für überkommen halten.

"Subjektive Religiosität"

Besonders deutlich wird diese Diskrepanz am Beispiel Religion: Zwar ist die "subjektive Religiosität" in den vergangenen zehn Jahren in allen Altersgruppen gewachsen, 83 Prozent der Österreicher glauben an Gott, bilanziert Reinhard Zuba, Co-Autor der Studie. Allerdings haben nur 38 Prozent "sehr" oder "ziemlich viel" Vertrauen in die christlichen Kirchen. Die Mehrzahl der Gläubigen (44 Prozent) bezeichnet sich als "kulturreligiös", glaubt also an "irgendein höheres Wesen", ohne regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen.

Kirchen schrumpfen

Die Kirchen sieht Zulehner durch diese Entwicklung vor großen Herausforderungen: "Noch sieht es so aus, als würde die spirituelle Sehnsucht steigen und die Kirchen schrumpfen." Momentan haben die Kirchen seiner Ansicht nach nicht "das Gespür dafür, in den produktiven Dialog mit den Suchenden zu treten".

Gesellschaftliche Herausforderungen entspringen laut Zulehner vor allem der veränderten Rolle der Frau. Die Berufstätigkeit der Frau sei mittlerweile unumstritten. "Frauen definieren sich immer weniger von der Mutter-Rolle her", so Zulehner. Auch die Altenpflege werde nicht mehr als ihre Domäne gesehen.

Zur Bewältigung dieser Entwicklung fordert Zulehner einen gesamtgesellschaftlichen Disput über "Gerechtigkeit und den Schutz der Schwächeren". "Meiner Meinung nach wird man das mit einem Kinderscheck allein nicht meistern können", so Zulehner. Männer müssten sich künftig überlegen, wie am Beginn ihrer Karriere zur Kinderpflege, auch am Ende ihrer Karriere zur Altenbetreuung in "Karenz" zu gehen. (APA/pd)

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