Sie mögen keinen Wermut

13. Juni 2006, 20:00
posten

Hobbygärtner hassen die Weichtiere mit Inbrunst - Drei Nachwuchs­forscher haben nun natürliche Mittel gegen die gefräßigen Nacktschnecken gefunden

Salat pflanzende Hobbygärtner hassen die Weichtiere mit Inbrunst. Drei Nachwuchsforscher haben nun mit viel Erfindergeist und selbst entwickelter Software natürliche Mittel gegen die gefräßigen Nacktschnecken gefunden.

*****

Gartenbesitzern gereichen die schalenlosen Tiere nicht zur Freude, vor allem, wenn sie im Frühjahr bei feuchtwarmem Wetter aus dem Gebüsch kriechen. Drei HTL-Schüler rücken ihnen in einem Forschungsprojekt auf die glitschige Pelle. Diese fanden nämlich in einem mehrfach prämierten Forschungsprojekt heraus, dass der Gartenschreck durchaus seine kulinarischen Abneigungen hat. Mit einer ausgeklügelten Software und praktischen Experimenten entdeckten die drei Nachwuchsforscher, dass die Schnecken mit Wermutkraut und Holunderblütentee von ihrer Schleimspur abgebracht werden können.

Schnittstellen zwischen Biologie und Technik

"Das Ganze hat vor sechs Jahren begonnen, als eine Nachbarin gefragt hat, ob wir nicht etwas gegen die Schnecken machen können", schildert Andreas Wagner, der die zweite Klasse der HTL Braunau in Oberösterreich besucht. Die Frage kam nicht von ungefähr, schließlich beschäftigen sich die Schüler der Abteilung Elektronik im Rahmen des schulautonomen Bereichs Bionik mit den Schnittstellen zwischen Biologie und Technik. Bis Andreas mit seinen beiden Mitschülern zum Zug kam, biss sich jedoch schon ein anderes Team an den Weichtieren die Zähne aus - und scheiterte an der Softwareentwicklung.

Vergangenen Herbst wurde im Rahmen des schulinternen Begabungsförderungsprogramms Octopus die Idee wieder aufgenommen, ein einfach anzuwendendes und umweltverträgliches Mittel gegen die nimmersatten Nacktschnecken zu finden. Dazu konstruierten die drei 15- und 16-jährigen Jungforscher ein spezielles Terrarium, ausgestattet mit computergesteuertem Licht, einer Kamera - und einer Heizung, "damit sich die Schnecken wohlfühlen", wie Andreas anmerkt. In die Ecken kamen saftige Salatblätter, wovon zwei naturbelassen und zwei mit verschiedenen Duftstoffen präpariert waren. Die Palette der im Labor extrahierten Naturstoffe reichte von landläufig bekannten Lockmitteln wie Bier bis hin zu erstmals verwendeten Substanzen wie Holunderblüten.

Bogen um Holunder und Wermut

In der Mitte fanden sich fünf bis zehn Schnecken, die bei ihrer nächtlichen Fresstour durchs Terrarium von einer computergesteuerten Kamera beobachtet wurden. Die im 30-Sekunden-Takt aufgenommenen Einzelbilder wurden vom Programm so übereinander gelegt, dass die Bewegung der Schnecken sichtbar blieb - und damit die Anziehungs- oder Abwehrkraft der Stoffe verglichen werden konnte. Das überraschende Ergebnis: Die Nacktschnecken machten um Holunder und Wermut einen großen Bogen, während die viel gepriesene Wirkung von Bier ausblieb. Dabei stellten die Jungforscher auch fest, dass der Geruchssinn der Kriechtiere weit weniger ausgeprägt ist als angenommen und dass sie sich eher an bereits vorhandenen Spuren orientieren.

"Wir haben fast alles in der Freizeit gemacht und sind nach Schulschluss noch in der Schule geblieben", erzählt Andreas Wagner. Der begeisterte Hobbyfotograf hat die Auswertungssoftware während der Weihnachtsferien selbst entwickelt. Nachdem die Tests abgeschlossen waren, ging man in die praktische Phase: Es galt, Verfahren zu finden, mit denen die Stoffe ohne großen Aufwand selbst hergestellt werden können.

"Wir haben Wermutblätter aus der Apotheke in Wasser, Benzin und Alkohol eingelegt und später Blähtonkugeln in die filtrierte Flüssigkeit gelegt. Wenn man noch Rapsöl dazugibt, bleibt der Duft länger erhalten", beschreibt Andreas die Experimente.

Über den Sommer werden die Methoden im Freilandversuch in den elterlichen Gärten erprobt. Aber derzeit gebe es wegen des kalten Frühlings noch nicht so viele Schnecken. "Ziel ist, dass die Wirkung mindestens zwei Wochen anhält", erklärt Andreas, der mit seinen Kollegen weitere Wirkstoffverfahren entwickeln will und "Richtung Patent" strebt.

Die Nachwuchstechniker wurden mit dem Science-Preis von "Jugend Innovativ" des Austria Wirtschaftsservice sowie dem ersten Preis des Schulwettbewerbs der oberösterreichischen Technologie- und Marketinggesellschaft ausgezeichnet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.06. 2006)

Von Karin Krichmayr
  • Artikelbild
    foto: der standard
Share if you care.