Lustvoller Lärm des Kollektivs

6. Juni 2006, 19:23
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Entdeckungen beim "Inntöne"-Festival

Diersbach - "Woaßt du, wos a Intermission is?" Schön zu sehen, dass es Leute gibt, die von den Gepflogenheiten des Jazz-Betriebs noch unbeleckt sind - und dennoch bereit sind, sich Klängen jenseits der Heurigen-Swing-Schunkelei zu öffnen. Selbiges konnte man wiederum auf Paul Zauners Bauernhof in Diersbach nahe Schärding beobachten, wo dessen Festival-Umtriebe nach 20 Jahren der Wanderschaft seit 2002 zu neuer Profilstärke gefunden haben.

Man täusche sich nicht: Das Publikum des Inntöne-Festivals, das hier deftige Kost (zu teils deftigen Preisen) genießt, ist ebenso ein lokales wie internationales. Kein Wunder: Denn die Programmierung bot gerade in den letzten Jahren eine ausgezeichnete Mischung aus Bewährtem und zu Entdeckendem. Wobei der Jahrgang 2006 als einer der Premieren im Gedächtnis bleiben wird. Etwa in Gestalt des spritzig-virtuosen "Reunion Quartetts" um das Brüderpaar Fran¸cois und Louis Moutin.

Oder in Gestalt von Pianist Giovanni Mirabassi, dessen ideenreiche Plastizität in den epischen und zupackenden Trompeten-Rhapsodien des famosen Flavio Boltro einen kongenialen Widerpart fanden. Auch Kari Bremnes, die norwegische Sänger/Songwriter-Ikone, feierte ihr Österreich-Debüt. Um das Publikum mit lässiger Bühnenpräsenz ebenso zu beeindrucken wie mit substanzvollen Reflexionen, dunkler vokaler Klarheit und reduzierten Folk-Pop-Arrangements.

Mit Michael Riessler - im Trio mit Vokalistin Elise Caron und Akkordeonist Jean-Louis Matinier - sowie Wolfgang Muthspiel erfüllten auch bekanntere Namen die Erwartungen. Letzterer führte im Duo mit Brian Blade seine aktuelle Fokussierung song-orientierter Introspektion fort, ließ mit Youssou eine reizvolle, Echoplex-unterstützte Hommage an Westafrika wie eine reizvoll abstrahierte Version von Round Midnight hören, um Superdrummer Blade - im Gitarren-Duo! - auch als Songwriter vorzustellen.

Schön, dass auch eine Formation wie das neue Duo "Tian Guo" im Inntöne-Programm seinen Platz fand. Giselher Smekal (Klavier) und Xu Fengxia (Wölbbrettzither Guzheng) suchten weitab aller Klischees vielgestaltig - zwischen Vertonungen altchinesischer Lyrik und Kompositionen auf tibetische Gebetstexte - nach Brücken zwischen den Kulturen, wobei sich in den freien Improvisationen - koordiniert u. a. durch Smekals kreisrunde grafische "Himmelsmechanik"-Partitur - die dichtesten Momente ergaben.

Aus der Riege junger Musiker waren das Martin-Reiter-Trio mit Trompeter Matthieu Michel zu hören, das in seiner Verhaltenheit etwas kantenlos blieb, sowie eine zehnköpfige Abordnung der JazzWerkstatt Wien, die die disparaten Stil-und Solo-Interessen der Mitglieder in lustvoll lärmenden Kollektiven zusammenführte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2006)

Von Andreas Felber
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