Neue Stufe der Selektion erreicht

6. Juni 2006, 19:13
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Ein Designerbaby als Knochenmarkspender: Erstmals ist in Europa ein Embryo nach gene­tischen Eigenschaften ausgewählt worden

Ein Designerbaby als Knochenmarkspender für den Bruder: Erstmals ist in Europa ein Embryo nach seinen genetischen Eigenschaften ausgewählt worden. Die Debatte über die Grenzen der Wissenschaft ist neu eröffnet.

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"Wir Forscher sind wie alle Eroberer, Entdecker, Schifffahrer, Abenteurer von einer verwegenen Moralität und müssen es uns gefallen lassen, im Ganzen für böse gehalten zu gelten", schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche 1881 in seiner Morgenröte. Diesem Vorwurf sehen sich derzeit wieder Genetiker und Fortpflanzungsmediziner ausgesetzt: Um das Leben eines todkranken Buben zu retten, hätten Wissenschafter ihm eine genetisch passende Schwester als Ersatzteillieferantin in der Petrischale erzeugt, berichteten Medien weltweit und schrieben von der "Erschaffung" des ersten "Designerbabys" in der Schweiz.

Wie so oft im ethisch-moralisch angespannten Verhältnis zwischen Gesellschaft und Forschung prallen in der nun laufenden Debatte darüber zwei Gedanken aufeinander: die Umsetzung des wissenschaftlich Machbaren und die Grenzen ihrer Zulässigkeit. Die Achtung des menschlichen Lebens zu jeder Zeit und in jeder Form gehe verloren, einer historisch belasteten Eugenik und Selektion würden damit erneut Tür und Tor geöffnet, argumentieren Gegner solcher "Designerbabys".

Allein - designt wurde rein gar nichts, kein Forscher griff in die natürliche Entwicklung des Babys ein, niemand bastelte an seinen Erbanlagen herum, um gezielt etwas zu schaffen. Dazu reichen nämlich weder die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch die biotechnischen Möglichkeiten von heute aus. Was die Mediziner machten, war nachzusehen und auszuwählen - dabei jedoch schufen sie einen für Europa einzigartigen ethischen Sonderfall: Erstmals stand bei der künstlichen Befruchtung Leben gegen Leben, erstmals sprang die mit Präimplantationsdiagnostik (PID) durchgeführte Selektion auf eine neue Stufe: von gesund oder defekt auf passend oder unpassend. Was war passiert?

Wie berichtet, hat Noah einen Gendefekt, der sich primär bei Buben als Krankheit manifestiert - als Granulomatose, ein schwerer Immundefekt. Bei Noah brach das Leiden aus. Da jede kleine Infektion für ihn hätte tödlich enden können, wurde er abgeschirmt, bekam Arzneien, die sein Immunsystem unterstützen sollten. Da sich aber bald Resistenzen zeigten, war mit Noahs Tod zu rechnen.

Rettung versprach eine Stammzelltherapie - transplantierte Zellen aus dem Knochenmark eines geeigneten Spenders, die die Funktion der defekten Immunzellen des Buben übernehmen. Eine bewährte Therapie, die etwa Leukämie heilen kann.

Da die Mutter selbst Trägerin des defekten Gens ist, kam sie als Spenderin nicht infrage. Auch der Vater nicht, der hat eine falsche Blutgruppe. Und Geschwister hatte Noah noch keine. Da selbst in internationalen Datenbanken kein geeigneter Spender gefunden wurde und die Zeit drängte, entschied sich die Familie für den nun umstrittenen Weg.

Noah soll geheilt sein

Über künstliche Befruchtung mehrerer Eizellen der Mutter mit dem Samen des Vater wurden einige Embryonen gezeugt - Routine. Mit der PID (siehe Grafik) wurden dann jene Embryonen ausgewählt, die erstens keinen Gendefekt hatten und zweitens auch in allen anderen notwendigen genetischen Merkmalen mit Noah übereinstimmten. Drei von diesen wurden der Mutter implantiert, neun Monate später kam Noahs Schwester Elodie gesund zur Welt. Vor zehn Tagen wurde dem Mädchen Knochenmark entnommen, ihrem Bruder infundiert. Beiden Kindern gehe es laut Ärzten gut, Noah sei geheilt.

PID ist in der Schweiz verboten, darum ging die Familie dafür nach Belgien. In Irland, Italien und Deutschland ist sie ebenfalls verboten, in Österreich nur eingeschränkt erlaubt. In allen anderen EU-Staaten ist die genetische Diagnose von künstlich gezeugten Embryonen vor ihrer Einpflanzung in die Gebärmutter erlaubt. "Aber erstmals in Europa", sagt Genetiker Markus Hengstschläger von der Wiener Medizin-Uni, "wurden mit der PID nicht jene Embryonen ausselektiert, die defekt sind und deshalb niemals zu einer Schwangerschaft führen würden. Sondern es wurden von lebensfähigen und gesunden Embryonen die selektiert, die genetisch kompatibel waren."

Ethischer Dammbruch

Dies stellt für Hengstschläger, der als erster Genetiker in Österreich die PID durchführt, zwar einen "ethischen Dammbruch" dar. Doch warnt der Wissenschafter vor all zu voreiliger Verurteilung. "Würde man das aus ethischen Gründen verbieten, müsste man auch sagen, dass es ethisch zulässig ist, den Buben sterben zu lassen, obwohl er gerettet werden könnte." Ethik beschränke sich nicht nur auf das Tun, sondern beziehe sich auch auf das Unterlassen.

In Österreich ist laut Fortpflanzungsmedizingesetz seit einem Jahr die PID an "entwicklungsfähigen Zellen" nur dann erlaubt, wenn sie "zur Erlangung einer Schwangerschaft notwendig ist". Sie sei bisher jedoch noch nie an Embryonen durchgeführt worden, erklärt Hengstschläger, der die PID nur an Eizellen, respektive an deren Polkörper, vor ihrer künstlichen Befruchtung durchführt. Derart kann aber nur das mütterliche Genom analysiert werden, alles was vom Vater auf den Embryo übertragen wird, bleibt unklar. In einem ähnlichen Fall wie in der Schweiz hätte man den Buben in Österreich sterben lassen müssen. Also, verrät Hengstschläger, werde die PID im Sommer Thema des öffentlichen und politischen Diskurses werden. Beginnend beim Forum Alpbach. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.06. 2006)

Von Andreas Feiertag
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    Albert Einstein, Ronaldinho, Halle Berry – das Beste von jedem und jeder im individuell designten Baby: So weit, derart hochstrebende Elternwünsche erfüllen zu können oder zu wollen, ist die Wissenschaft noch nicht. Für therapeutische Zwecke ist aber einiges möglich – Präimplantationsdiagnostik heißt das Zauberwort.

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