"Die große Stille": Allein unter Mönchen

8. Juni 2006, 17:32
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"Die große Stille": Mit dem deutschen Regisseur Philip Gröning in die Abgeschiedenheit eines Kartäuserklosters

Der deutsche Regisseur Philip Gröning hat sich mit seiner Kamera in die Abgeschiedenheit eines Kartäuserklosters begeben. Sein Dokumentarfilm "Die große Stille" wird seinem Thema nur bedingt gerecht.


Wien - Buchseiten rascheln, Holz knarrt, eine Uhr tickt und Glocken läuten: Die große Stille, die entsteht, wenn das gesprochene Wort weit gehend fehlt, birgt viele Geräusche. Dass das Kino auch ohne Sprache funktioniert, ist keine neue Erkenntnis. In diesem Fall - und diesem Film - ist ihr Wegfall einem äußeren Zusammenhang geschuldet:

Der 47-jährige deutsche Regisseur Philip Gröning, der zuletzt unter anderem für den Spielfilm L'amour, l'argent, l'amour (2000) verantwortlich zeichnete, hat das Projekt, das weltabgeschiedene Leben der Kartäuser zu dokumentieren, seit Mitte der 80er-Jahre verfolgt. Erst 1999 erhielt er schließlich die Erlaubnis, im Kloster Grande Chartreuse in Frankreich, dem Mutterkloster dieses katholischen Schweigeordens, zu filmen.

Insgesamt fast sechs Monate dauerten seine Aufenthalte in den Jahren 2002 und 2003. Der Einsatz von zusätzlichem Licht bzw. von Off-Musik oder Kommentar im fertigen Film, der nun Die große Stille heißt, war ihm untersagt.

Rund 120 Stunden Material brachte er von seiner Expedition hoch oben in den Alpen mit. Die Struktur des Films folgt den zyklischen Abläufen des Klosterlebens. Texttafeln mit (Bibel-)Zitaten sind zwischen die Bilder montiert. Neben den Beobachtungen des Klosteralltags sind statische Porträtaufnahmen einzelner Mönche zu sehen - doch die Nähe der Kamera alleine stellt nicht unbedingt eine Nähe zum Betrachteten her.

Unsteter Beobachter

Mancherorts wurde der Film etwa für seine kontemplative Stimmung gelobt: Die große Stille ist zwar lang (genau 162 Minuten), aber nicht unbedingt gelassen. Vielmehr entsteht immer wieder der Eindruck, dass hier ein unsteter Beobachter zugange ist. Der Schnitt unterläuft häufig Situationen, in denen sich ein Ablauf in seiner Dauer entfalten könnte. Stattdessen schwelgt der Film in Details - ein rotes Glimmen in nachtschwarzer Dunkelheit, Regentropfen, ein Apfel - und scheint damit etwas beschwören zu wollen, das sich der Sichtbarkeit entzieht.

Dabei betrachtet die Kamera (und der Filmemacher, der sie führt) wie ein allsehendes Auge die Mönche bei ihren Verrichtungen und bei ihren Gebeten. In ihren spartanisch möblierten Zellen, bei der Arbeit in Werkstätten oder im Garten. Bei den Zusammenkünften zum Essen, zur Messe oder bei Spaziergängen, während derer ihnen auch das Sprechen gestattet ist.

Immer wieder werden im Anriss Dinge sichtbar, die es wert wären, genauer verfolgt zu werden. Wie eine Erscheinung wirken die Aufnahmen des offenbar mit Verwaltungsaufgaben betrauten Mönchs, der in seinem Büro an einem Notebook sitzt. Aber das Interesse des Filmemachers liegt anderswo:

Gröning betont das Archaische und sucht darin einen metaphysischen Mehrwert. Wer diesen Sucher-Blick des Filmemachers nicht teilt, der letztlich nicht frei ist von einer gewissen hermetischen "Betriebsblindheit", der wird allerdings auf jenes Bild zurückgeworfen, das man sich ohnedies von einem solchen Leben machen konnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2006)

Von Isabella Reicher

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diegrossestille.de

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    foto: diegrossestille.de/ © gröning
  • Eine Annäherung an ein Leben in Abgeschiedenheit, die vor allem das Offensichtliche zutage fördert: der Dokumentarfilm "Die große Stille" von Philip Gröning.
    foto: filmladen

    Eine Annäherung an ein Leben in Abgeschiedenheit, die vor allem das Offensichtliche zutage fördert: der Dokumentarfilm "Die große Stille" von Philip Gröning.

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