Streit um Israel-Boykott britischer Uni-Lehrer

9. Juni 2006, 12:45
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Kritiker sehen "Gesinnungsschnüffelei" – Befürworter: Wer schweigt, stimmt "Apartheidpolitik" zu

Der Aufruf einer britischen Gewerkschaft, Kollegen aus Israel von Fall zu Fall auf schwarze Listen zu setzen, schlägt hohe Wellen. Während die Anhänger des Boykotts die Solidarität mit den Palästinensern betonen, kritisieren ihn andere als Gesinnungsschnüffelei, als Angriff auf die Freiheit akademischen Denkens, gar als antisemitischen Skandal. Am Schärfsten ging Harvard-Präsident Larry Summers mit den boykottwilligen Briten ins Gericht: Man solle, man müsse sogar über israelische Politik streiten – "aber allein Israel auf diese Weise herauszufiltern ist tatsächlich antisemitisch, sowohl in der Absicht als auch in der Wirkung".

Auslöser des Streits ist ein Papier, das von der Dozenten-Gewerkschaft für Fort- und Hochschulbildung (Natfhe) verabschiedet wurde. Darin fordert sie ihre Mitglieder auf, Kontakte zu Akademikern aus Israel zu kappen, falls diese sich nicht von der "israelischen Apartheidpolitik, dem Bau einer Trennmauer und diskriminierenden Bildungspraktiken" distanzieren.

Druckmittel Resolution

Befürworter sehen die Resolution als Druckmittel, um palästinensischen Hochschullehrern in ihrem von blanker Not, Straßensperren und Blockaden geprägten Alltag zu helfen. Seit September 2000, als sich die Spannungen in Nahost nach dem Scheitern von Friedensverhandlungen verschärften, hätten die Palästinenser am schlimmsten gelitten, so Paul Mackney, der Natfhe-Generalsekretär.

Zehn Prozent Arbeitslose in Israel, 66 Prozent in Palästina, vergleicht er. Auf ein zerstörtes israelisches Haus kämen 2200 palästinensische. Daraus ziehen die Initiatoren der Aktion den Schluss, dass ihre Kollegen in Israel endlich Farbe bekennen müssen. Wer schweige, sagt der Philosophieprofessor Tom Hickey aus Brighton, mache sich zum Komplizen seiner Regierung.

Den Boykott-Kritikern wiederum stößt bitter auf, dass die Briten selbst Mauern hochziehen, deren Existenz sie zu Recht beklagen, dass sie politische Ansichten höher einstufen als wissenschaftliche Qualität, letztlich eine Art Gesinnungsfrage stellen. Mancher zieht sogar Parallelen zu US-Senator Joseph McCarthy mit seiner Hatz auf Kommunisten und linke Intellektuelle.

"Unglaublich, dass ausgerechnet eine Akademiker-Union die akademische Freiheit so attackiert", empört sich Malcolm Grant, Rektor des University College zu London. Der Boykottaufruf stehe in krassem Widerspruch zur Aufgabe einer Uni, die darin bestehe, frei von politischen Zwängen zu debattieren.

De jure ist fraglich, ob die Resolution noch Gültigkeit hat. Vorige Woche schloss sich die Natfhe mit der kleineren National Association of Teachers zu einer neuen Gewerkschaft zusammen, der University and College Union. Rechtsexperten glauben, dass sich der Israel-Beschluss damit automatisch erledigt hat, nur noch symbolische Wirkung besitzt, ohne dass praktische Konsequenzen folgen.

Dessen ungeachtet hat die amerikanische "Anti-Defamation League" bereits Gegenmaßnahmen angekündigt. Sie droht, allen, die den Strafkatalog unterstützen, ihrerseits Hürden in den Weg zu legen. (DER STANDRD, Printausgbe, 7.6.2006)

Frank Herrmann aus London
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