Bettlerverwechslung

8. Juni 2006, 19:09
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Der Geigenkasten in der Hand war Grund genug: Der Mann versuchte, den Buben weg zu führen

Weil das Kind ein Bettler sei. Er werde sich jetzt aber um den Knaben kümmern ...

***

Es war vergangene Woche. Und auch wenn der Mann leise gesprochen hatte, sei offensichtlich gewesen, dass etwas nicht passte. Spätestens, als der Mann dem Zehnjährigen dann den Arm um die Schulter legte – und das Gesicht des Knaen von „verwirrt“ auf „panisch“ schaltete. Aber natürlich, sagt A., habe sich niemand eingemischt. Und auch nachher, als sie den Mann angebrüllt hatte und der die Flucht ergriff, hätten die anderen Leute am Bahnsteig mit großem Interesse die Blinden-Führungsrillen oder die Gebrauchsanleitung der Feuerlöscher studiert.

Es war in der U1. Station Nestroyplatz. Nachmittag. Wenige Meter neben A. war der Bub gestanden. Nicht weiter auffällig: Brille, schwarze Locken, blasser Teint (obwohl, meint A., das auch erst nachher gekommen sein könne). Eine kleine Umhängetasche ­ und eine Geige. Im Kasten. Ein hübsches, ganz normales Kind auf dem ganz Weg vom oder zum Musikunterreicht.

Durchsage

Kurz zuvor, sagt A., sei die Durchsage gelaufen: Dass die geschätzten Fahrgäste der Bettelei in der U-Bahn doch bitte nicht dadurch Vorschub leisten sollten, dass sie die Bettler mit Münzen bewürfen. Aber als der Mann, der da neben ihr gestanden hatte, dann begann auf den Buben einzureden, hatte sie die Durchsage schon wieder vergessen – die Erinnerung daran kam erst später.

Der Mann trat nämlich auf den Knaben zu und sprach ihn an, erzählt A.. Leise, aber deutlich – und mit einem Ton, der zwischen Drohung, Befehl und plumper Kumpelhaftigkeit angesiedelt war: Ob er, der Bub, nicht gehört habe? Der Bub sah erstaunt auf. Der Mann setzte nach: Das sei verboten. Der Bub fragte: Wie bitte? Der Mann zeigte auf den Geigenkasten: Der Knabe wisse genau, wovon die Rede sei – er solle nicht daran denken, seine Fiedel auszupacken und die Fahrgäste zu malträtieren: Betteln sei in der U-Bahn verboten.

Missveständnis

Der Bub sah verwirrt drein. Dann sagte er höflich: „Entschuldigung, das muss ein Missverständnis sein.“ Er denke nicht daran, hier zu geigen – er fahre zum Unterricht. Zweimal die Woche. Aber der Mann war nicht überzeugt: Das könne jeder sagen. Der Knabe solle ihn nicht für blöd verkaufen. Er kenne sich aus.

Dann, sagt A., sei er aus der ohnehin zu knappen Distanz einen Schritt näher getreten. Und habe dem Kind eine Hand auf den Arm und die andere um die Schulter gelegt. Seine Stimme habe, sagt A., nun etwas Schleimiges bekommen: Er wisse ja, dass es Kinder, die man betteln schicke, hart hätten. Er habe Verständnis. Viel Verständnis. Und der Bub müsse jetzt mit ihm mitkommen. Aus der Station hinaus. Dann, sagt A., habe etwas gesagt, was sie nicht verstanden habe. Das Kind sei starr gewesen. Da habe sie sich dann eingemischt.

Dienstmarke?

Der Mann möge sofort das Kind loslassen, brüllte A. Und zwar so laut, dass es vermutlich noch am Praterstern zu hören war. Oder aber er möge umgehend seine Polizeidienstmarke herzeigen – und auch dann sei diese Art des Antapschens eines Kindes etwas, was seine vorgesetzte Dienststelle interessieren würde. In jedem Fall, brüllte A., werde sie jetzt daher die Polizei anrufen.

Der Mann, erzählt A., sei dann ziemlich rasch ziemlich weit weg gewesen. Der Bub habe langsam die Sprache wieder gefunden: Was er denn falsch gemacht habe? Er sei doch nur auf dem Weg zum Unterricht. Und auch gar kein Bettler. Dann begann er zu zittern: Ob A. glaube, dass der Mann wieder käme? Weil er, der Bub, doch übermorgen wieder hier in der U-Bahn stehen würde. Was er denn dann tun solle? A. tat so, als wäre sie sich ganz sicher, als sie sagte, dass der Mann sicher so viel Angst vor der Polizei habe, dass er nie wieder in dieser Station auftauchen werde.

Aber in jedem Fall, sagte sie dem Buben, müsse er ihr eines Versprechen: Wenn ihn jemand angreife, müsse er schreien. Laut. Noch lauter als sie gerade gebrüllt habe. Wenn ihn wer festhalten wolle, müsse er sich wehren. Sofort. Mit Händen, Füßen und Zähnen. Und er dürfe auf keine Fall stehen bleiben, sondern müsse wegrennen. Zum nächstbesten Erwachsenen. Dann, sagt A., habe sie sich am Bahnsteig umgesehen: Alle anderen Leute waren intensiv damit beschäftigt, dem Kind den Rücken zuzudrehen. Was sie sich in diesem Augenblick gedacht habe, sagt A., habe sie dem Buben aber lieber nicht gesagt.

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