ORF "wie in der Sowjetunion"

19. Juli 2006, 13:54
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Generalin Lindner stellt sich harscher Kritik ihrer Mitarbeiter

Erster Verteidigungstermin Monika Lindners nach heftiger Kritik von innen wie außen an Politfunk und Programmqualität. 250 Führungskräfte des ORF erlebten Dienstag, wie sich ihr Management sieht: Erst lobte Monika Lindner sich und die Anstalt, dann lobte ihr Programmdirektor Reinhard Scolik, ihr Infodirektor Gerhard Draxler, dann noch der Sprecher der Landesstudios, Wolfgang Burtscher.

"Wie im Obersten Sowjet"

Franz Kössler ("Weltjournal"), lange ORF-Korrespondent in Moskau, fühlt sich da an Veranstaltungen erinnert "wie in der Sowjetunion", berichten Sitzungsteilnehmer. "Wie im Obersten Sowjet", hörten andere. Lindner sieht das anders und sagt: "Wir vertragen Kritik, wir sind ja nicht die Reichsparteileitung."

Kössler hat als einer der ersten die Initiative www.sos-orf.at für eine unabhängigere, qualitätsvollere Anstalt unterzeichnet. Doch er will sich nicht von Lindner vorwerfen lassen, er habe seine Kritik nicht erst intern geäußert. Seit Monaten bekomme er keinen Termin bei der Generalin.

Diese Kritik Lindners lässt auch Armin Wolf ("ZiB 2") nicht auf sich sitzen: Am Vortag der Verleihung habe er TV-Chefredakteur Werner Mück gesagt, was er in seiner Aufsehen erregenden Dankesrede für den Hochner-Preis so vorhat. Auf Mück bezog sich ein Gutteil seines Protests. Mück meldete sich übrigens am Dienstag bei der Veranstaltung im ORF nicht zu Wort.

"ZiB"-Themen stehen ab 10.30 Uhr

Warum die "ZiB" so kritisiert wird, brachte deren Innenpolitikchef Hans Bürger vor: TV-Chefredakteur lege gegen 9.45 Uhr schon 95 Prozent der Themen der "ZiB 1" um 19.30 Uhr fest.

TV-Betriebsrat Joe Lesnik erinnerte Lindner an die dramatische Unzufriedenheit der ORF-Mitarbeiter laut seiner Umfrage aus 2004, die er ihr (ohne Erfolg) präsentiert hat.

Lindner appelliert an Solidarität

Lindner appellierte in der Sitzung wiederholt an die Solidarität der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Vorwürfen wich sie tunlichst aus, sagen Teilnehmer.

Die Aussprache zum Konflikt in der TV-Information verschob der ORF nun von Freitag auf 19. Juni, übertragen im internen Fernsehkanal. Dabei sind Lindner, die Direktoren Draxler und Scolik, Stiftungsratschef Klaus Pekarek sowie ein Vertreter des Publikumsrates. Für die Kritiker: "ZiB"-Redakteurssprecherin Danielle Spera, TV-Betriebsrat Joe Lesnik und Peter Huemer von SOS ORF.

Nicht fehlen soll auch Meinungsforscher Rudolf Bretschneider, der dem ORF in seinem "Monitoring" im Auftrag des Küniglbergs Jahr für Jahr hohe Qualität attestiert.

Bretschneider dürfte auch Lindners innovatives Vorhaben zur Verbesserung des ORF umsetzen: Ihren Führungskräften kündigte sie eine Analyse der Publikumswünsche an den ORF an. Und ein groß angelegtes Symposium zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die Wünsche der Grünen indes - sie beantragen geheime Wahl des nächsten Generals, öffentliches Hearing - lehnt VP-Mediensprecher Wilhelm Molterer laut APA ab. Der Sprecher der VP-Fraktion im Stiftungsrat aber würde das begrüßen: "Stiftungsräte sollen frei nach ihrem Gewissen abstimmen können, und das geht am besten in geheimer Wahl." (fid/DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2006)

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