Hörsturz - Ursache unbekannt

22. Jänner 2007, 16:32
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Er kommt plötzlich, oft geräuschvoll und wird auch als "Ohrinfarkt" bezeichnet - Bruno Welleschik, HNO Spezialist - im derStandard.at-Interview

"Der Ausdruck Hörsturz ist eine tolle Erfindung und wird sowohl von Patienten, als auch von Ärzten besonders gerne verwendet." Univ. Doz. Dr. Bruno Welleschik, Abteilungsvorstand der Hals-Nasen-Ohren Abteilung in der Krankenanstalt Rudolfstiftung weiß dass dieser Terminus oft falsch für jede aus heiterem Himmel entstandene Hörstörung verwendet wird.

Für den Betroffenen ist die plötzliche einseitige Hörminderung bzw. der völlige einseitige Hörverlust ein dramatisches Ereignis. Das Ohr das sich im Gegensatz zum Auge nicht "schließen" lässt, gehört in der modernen Kommunikationsgesellschaft zum meist "belasteten" Sinnesorgan. "Viel um die Ohren haben", das geht sprichwörtlich auf die Ohren. Der Zusammenhang Stress und Hörsturz scheint offensichtlich. Bewiesen ist er nicht. In verschiedenen Studien zeigt sich aber, dass Hörsturzpatienten häufig beruflich überlastet sind.

derStandard.at: Was versteht man unter einem Hörsturz?

Welleschik: Der Hörsturz ist eine plötzliche, einseitig auftretende Hörstörung unbekannter Ursache. Hier zeigt sich bereits das Problem an der ganzen Geschichte: Wenn man nicht weiß, was die Ursache einer Erkrankung ist, wie will man dann eine gezielte Behandlung machen?

Der Ausdruck "Hörsturz" ist eine tolle Erfindung und wird sowohl von Patienten, als auch von Ärzten besonders gerne verwendet. Leider wird dieser Terminus auch oft falsch für jede plötzlich entstandene Hörstörung verwendet.

derStandard.at: Das heißt, dass die Ursache des Hörsturzes immer idiopathisch (unbekannt)ist?

Welleschik: Das ist per definitionem so. Wesentlich ist, dass er aus heiterem Himmel auftritt, der Patient hat keine entsprechende Vorgeschichte.

derStandard.at: In einigen Fällen wird mehrere Tage vor dem Hörsturz eine Infektion des oberen Atemtraktes beschrieben.

Welleschik: Man versuchte immer wieder einen Virusinfekt nachzuweisen. Tatsächlich findet man virale Infekte im üblichen Prozentsatz. Je nach Jahreszeit ist die Wahrscheinlichkeit unter Umständen sehr hoch.

derStandard.at: Warum spricht man manchmal auch vom Innenohrinfarkt?

Welleschik: Das plötzliche Auftreten eines kompletten Funktionsausfalls des Innenohres oder aber zumindest die schwere Beeinträchtigung lässt den Vergleich mit einem Herzinfarkt oder einer Hirnblutung zu. Es existiert die Hypothese, dass es auch beim Hörsturz im Innenohr zu einer plötzlichen Durchblutungsstörung kommt.
Je nach Verschluss eines bestimmten Gefäßes müsste es zu bestimmten Schädigungen kommen. Entsprechende Schädigungsmuster treten aber nicht auf.

derStandard.at: Wenn Durchblutungsmangel als Ursache diskutiert wird, wäre dann nicht auch eine vorübergehende Sauerstoffunterversorgung des Innenohres denkbar?

Welleschik: Gerade die Sauerstoffversorgung stellt uns vor ein weiteres Rätsel in Hinblick auf die Ursache eines Hörsturzes.
Bei einem tagelangen Sauerstoffmangel im Innenohr, das als Teil des Gehirns gesehen wird, wäre eine völlige Genesung des Hörorgans eigentlich nicht möglich. Es spricht demnach einiges gegen einen tagelangen Sauerstoffmangel im Ohr. Man sieht, viele Fragen bezüglich der Ursachen sind nicht hinreichend geklärt.

Was wir bisher mit Sicherheit wissen ist nur, dass irgendetwas an den Haarzellen passiert. Haarzellen sind die Sinneszellen im Innenohr, die für das Hören verantwortlich sind.

derStandard.at: Es wird auch der Zusammenhang zwischen Stress und Hörsturz immer wieder diskutiert.

Welleschik: Stress ist rückblickend nicht objektivierbar. Wenn man die Leute jedoch gezielt befragt, ob sie vor dem Ereignis Hörsturz Stress hatten, so wird diese Frage fast jeder mit einem "Ja" beantworten. Die Frage sollte eher lauten, wer nicht Stress hat? Ich erinnere nur an den Terminus des Eustress, den guten Stress. Nicht in jedem Fall ist Stress negativ behaftet.

derStandard.at: Warum wird der Hörsturz nach wie vor oft als medizinischer Notfall bezeichnet? Wenn man die Ursachen nicht kennt, warum muss er dann so dringlich behandelt werden?

Welleschik: Geht man von der Vorstellung aus, dass es sich wie beim Herzinfarkt oder beim Schlaganfall um ein vergleichbares plötzliches Ereignis handelt, so besteht sofortiger Handlungsbedarf um irreversible Schäden zu verhindern. Nur aus dieser Spekulation heraus wird der Hörsturz zum Notfall.

derStandard.at: Was passiert, wenn man gar nichts macht?

Welleschik: Um 1985 zeigte P. Weinaug, dass man zu weitgehend gleichen Hörgewinnen bei den verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten kommt. Die selben Erfolge zeigten sich auch bei den Menschen, die gar nicht therapiert wurden.

derStandard.at: Warum wird uns dann vorgegaukelt, dass die eine oder andere Therapieform mehr oder weniger Erfolg verspricht?

Welleschik: Fakt ist, dass bei raschem Therapiebeginn sämtliche Spontanremissionen mitbehandelt werden und der gute Erfolg einer Therapie wohl vor allem auf dieser Tatsache basiert.

derStandard.at: Warum behandelt man den Hörsturz also trotzdem?

Welleschik: Leider muss immer mehr auch aus juristischen Gründen und nicht nur aus medizinischen agiert werden. Inwieweit in Österreich eine Unterlassung der Hörsturztherapie strafrechtlich verfolgt wird ist mir nicht bekannt.

Das Behandlungsrisiko ist jedoch gering und so ist die Hoffnung, dass es vielleicht doch etwas nützt durchaus gegeben. Vielleicht lasse ich mir auch Infusionen geben, wenn ich einen Hörsturz habe. Schaden wird mir die Infusionstherapie jedenfalls nicht.

derStandard.at: Welche Therapien kommen in der Rudolfstiftung zum Einsatz?

Welleschik: Eine Infusionstherapie mit einem durchblutungsfördernden altbewährten Medikament mit wenigen Nebenwirkungen und kurzfristig Kortison als Entzündungshemmer.

derStandard.at: Welche Behandlungsformen außer der medikamentösen Infusionstherapie kommen in der Rudolfstiftung noch zur Anwendung?

Welleschik: Im Einzelfall wird psychologische Beratung angeboten. Die Abteilung für Physikalische Medizin sieht sich vor allem den Bereich der Halswirbelsäule genauer an und bietet unter anderem Akupressur und Akupunktur als unterstützende Therapie an.

derStandard.at: Was halten sie von der hyperbaren Sauerstofftherapie?

Welleschik: Das würde ich, wäre ich selbst betroffen, nicht machen. Eine riskante Behandlungsform, bei der es sogar schon zu Todesfällen kam. Wie beim Tauchunfall ist Überdruck eine gefährliche Sache. Es gibt nur wenige zweifelhafte Erfolge.

derStandard.at: Wie hoch ist die Spontanerholungsrate?

Welleschik: Sie liegt laut Literatur zwischen 65 Prozent und 85 Prozent.

derStandard.at: Wie aussagekräftig ist das Ton-Audiogramm hinsichtlich der Prognose für eine Hörerholung?

Welleschik: Generell ist beim Hörsturz die Prognose umso schlechter je ausgeprägter die Hörstörung ist. Sehr häufig zeigt der Hörsturz, ähnlich wie beim Morbus Meniere eine Betonung im Tieftonbereich.

Bei isoliertem Hörverlust im Hochtonbereich ist die Prognose besonders schlecht. Bei völliger Ertaubung sind die Chancen auf eine völlige Restitution kaum mehr gegeben.

derStandard.at: Haben Musiker häufiger einen Hörsturz?

Welleschik: Es fehlen statistische Daten, aber ich würde meinen, dass Musiker nicht häufiger einen Hörsturz haben als andere Menschen.

Was Musiker aber schon eher bekommen, ist die sogenannte Lärmschwerhörigkeit. Sie ist allerdings eine völlig andere Erkrankung. Es ist immer ein beidseitiges Geschehen, verursacht durch jahrzehntelange chronische Einwirkung von lautem Lärm.

derStandard.at: Kann sich ein Hörsturz wiederholen?

Welleschik: Ja. Allerdings stellt sich die Frage ob es sich hierbei nicht eher um eine Form des Morbus Meniere handelt. Für den Hörsturz sind Rezidive eigentlich untypisch.

Zur Person

Univ. Doz. Dr. Bruno Welleschik
ist Abteilungsvorstand der Hals-Nasen-Ohren Abteilung in der Krankenanstalt Rudolfstiftung.

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Das Interview führte Regina Philipp

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    foto: privat
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