Fremde Feder: Anmerkungen zur Freiheit des Wortes

6. Juni 2006, 11:44
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Ein Schriftsteller lehnt sich gegen die machtvolle Einseitigkeit auf- Ein Kommentar von Caspar Einem

Dieser Tage: der Weltzeitungsverband – der Verband der Herausgeber der Zeitungen der Welt – tagt in Moskau; der Stadtrat von Düsseldorf beschließt – wahrscheinlich - , Peter Handke den Heine-Preis, der ihm von einer Jury zuerkannt worden ist, nicht zu verleihen. Was haben die beiden Ereignisse gemeinsam?

Peter Handke hat sich in den letzten Jahren wiederholt für Serbien engagiert und damit sein Zeichen gegen die in seinen Augen vollkommen einseitige Medienverurteilung Serbiens und Milosevic’ gesetzt. Zuletzt ist er beim Begräbnis von Slobodan Milosevic gewesen und hat dort auch gesprochen. In den Augen des durchschnittlichen Medienkonsumenten in unseren Breiten war das zumindest überraschend, manche würden auch sagen verblendet. War es nicht Milosevic, der das Schlachten am Balkan in Gang gesetzt hat, dessen Truppen besonders brutal gemordet, andere Volksgruppen vertrieben, in Lager gepfercht und gequält haben? Jedenfalls ist das die Geschichte, die jetzt die herrschende Sichtweise darstellt.

Vielleicht erinnert sich noch irgendjemand daran, wer vor dem Zerfall Jugoslawiens, wer vor dem westlichen Militäreinsatz gegen Serbien anlässlich des Kosovokonflikts diejenigen waren, die man in Österreich am wenigsten gern aufgenommen hat, wer damals hier die "Bösen" waren. Ab dem Zeitpunkt des Militäreinsatzes von USA und NATO war das jedenfalls nicht mehr wahr. Da waren es dann die Serben. Das entspricht der begleitenden Kriegsführung in den Medien. Ein gewaltsamer Militäreinsatz muss – zumindest in Demokratien – emotional vorbereitet werden. Und das ist auch in unseren Breiten Sache der Medien. Als ich im Herbst 1990 dieselbe Art der Kriegsvorbereitung in den USA miterlebte – da ging es um den ersten Irakkrieg – dachte ich, das sei bloß in den USA möglich. Aber es ist dort bloß anders. Die Funktionsweise ist aber auch bei uns dieselbe.

Und nun nimmt das ein bedeutender und als sensibel geltender Schriftsteller wahr und lehnt sich dagegen auf. Gegen die machtvolle Einseitigkeit. Und versucht, auch der anderen Seite eine Stimme zu verleihen. Das ist nicht bloß unangenehm. Das stört auch den Prozess der Herstellung gemeinsamer Überzeugungen. Das gestehen wir nicht einmal Künstlern zu. Man könne nicht alles mit künstlerischer Freiheit rechtfertigen, sagen sie. Und werden sie vielleicht in Düsseldorf sagen und Handke den Heine-Preis nicht geben.

Und was werden die in Moskau tagenden Herausgeber zur Pressefreiheit sagen? Nicht bloß zu der in Russland. Auch zur Freiheit, Lügen oder auch bloß Einseitigkeiten infrage zu stellen, bevor es um militärische Einsätze geht?

Wir sollten uns mindestens die Freiheit der Kunst leisten.

Fremde Feder ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.
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