Kommentar der anderen: Lainz ist Guantánamo

8. Jänner 2007, 16:55
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Wolfgang Koch kommt angesichts der Ablöse von Werner Vogt als Pflegeombudsmann die Galle hoch

Er hat es gewagt. Der Paradelinke und kritische Mediziner Werner Vogt, Mitinitiator des Sozialstaats-Volksbegehrens, übte drei Jahre lang einen unmöglichen politischen Spagat: Er gab für die Pflegeheimpolitik der Wiener SPÖ das Feigenblatt ab und versuchte zugleich die Öffentlichkeit für die himmelschreienden Zustände in den Geriatriezentren zu sensibilisieren.

Lange konnte das nicht gut gehen! Nun löst Stadträtin Renate Brauner die Funktion des Pflegeombudsmanns auf, um den unbotmäßigen Selbstdenker kaltzustellen. Dass Wiens Stadtoberhäupter den Lainz-Kritiker de facto vor die Tür setzen, macht deutlich, dass sie tatsächlich etwas zu verbergen haben. - Für die Sozialdemokratie eine doppelte Blamage, da es ihr seit Jahren nirgendwo gelingt, mithilfe einer kritischen Öffentlichkeit Politik zu machen. Statt dessen wetteifern die SPÖ-Granden im gratismutigen Antiamerikanismus, plärren täglich mit rotgeädertem Kopf Richtung Washington, dass auf Guantánamo die Menschenrechte verletzt werden. Kürzlich hat ein Ex-Minister dem Genossen Hugo Chávez sogar ein herzhaftes "Venceremos!" zugerufen, "Wir werden siegen!" - ja worüber denn?

In Guantánamo Bay auf Kuba sitzen 460 Kämpfer eines irregulären Kriegs in einem labyrinthischen Zellenblocksystem gefangen. Diese gefährlichen Männer genießen laut Lokalaugenschein der FAZ den Komfort von klimatisierten Gemeinschaftszellen, die teilweise behindertengerecht ausgestattet sind. Sie lesen Harry Potter, spielen Schach und Backgammon, ihr Essen wird nach muslimischen Vorschriften zubereitet und bei guter Führung dürfen sich die heiligen Krieger bis zu zwei Stunden täglich in den Sportanlagen am türkisblauen Wasser erholen.

Nichts davon im Geriatriezentrum Wienerwald (Lainz), wo nicht Attentäter und üble Dschihadisten einsitzen, sondern die ältesten Bürger und Bürgerinnen Wiens. Keine klimatisierten Räume, kein Harry Potter, kein Sportplatz. Nur das, was auch zu Recht an der Behandlung der Häftlinge auf Guantánamo kritisiert wird - die Einschränkung ihres Zugangs zu einem Rechtsbeistand -, das haben unsere Alten nun wieder im Übermaß.

Guantánamo ist sicher kein Erholungszentrum für die Gefangenen. Würden die Berichte über Missstände in den Wiener Pflegeheimen aber nur einmal so heiß gekocht wie die über CIA-Folter in der Karibik, bräuchten wir nie wieder Ombudsleute.

Ich bin 47, also davon weit entfernt, ein Betroffener zu sein. Deshalb verschließe ich aber noch lange nicht die Augen davor, dass mitten in einer europäischen Stadt Menschen lieblos in Anstalten gehalten werden wie die Irren im josephinischen Narrenturm des 18. Jahrhunderts.

In den Verwahrsälen von Lainz flimmern drei, vier Fernseher rund um die Uhr, die Senioren werden mit Medikamenten in einen permanenten Dämmerzustand versetzt, wie Zombies trippeln sie hallende Gänge entlang, um sich am Gitter eines Käfigs die letzten zärtlichen Berührungen von Meerschweinchen und Hamstern zu holen.

Das versteht man heute in Wien unter "würdevollem Altern", und es sind tausende, die die Gesellschaft so - medikamentiert, infantilisiert und mundtot gemacht - aus dem Leben drängt. Während man psychisch Kranke und Behinderte in dezentralen Wohneinheiten versorgt und ein dichtes Netz psychosozialer Einrichtungen die Stadt überzieht, landen unsere Greise - trotz aller Skandale mit Todesschwestern und Erhängten auf Heimdachböden - wie Aussätzige in Gettos.

Nun verschwindet Werner Vogt, der gegen diesen Wahnsinn rebellierte, und schon melden die Apparatschiks der geriatrischen Nomenklatur augenzwinkernd ihr Interesse an. Der Vorsitzende der Wiener Pflegeheim-Kommission möchte in Hinkunft gleich selber die Beschwerden an sich einsammeln. Von "fachlicher Kompetenz" ist ja heute überall die Rede, wo der Bock zum Gärtner gemacht wird. Sie tun - und wir lassen sie tun -, als ob die Glaubwürdigkeit eines Menschenrechtsanwalts von einem gremialen Befähigungsnachweis abhinge.

Das ist Wien im Jahr der großen Schlacht gegen Wolfgang Schüssel. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.6.2006)

Warum einem, der das Glück hat, noch kein "Betroffener" zu sein, angesichts der Ablöse von Werner Vogt als Pflegeombudsmann des angeblich "roten" Wiens die ungefilterte Galle hochkommt. - Eine Entladung.

Wolfgang Koch, lebt als Journalist und Schriftsteller in Wien; zuletzt von ihm erschienen: "Geschichte der Gewalt. Das Unglück des 20. Jahrhunderts" (Wieser Verlag)

Nachlese
Vogt:"Man will mich beseitigen"
  • Das Geriatriezentrum Lainz am Wienerwald.
    foto: standard/christian fischer

    Das Geriatriezentrum Lainz am Wienerwald.

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