Das ganz andere Herz der Frauen

6. Juni 2006, 11:40
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Der Bauplan des Mannes hat in der medizinischen Forschung und Medikamenten-Entwicklung Modellcharakter

Doch Frauen funktionieren anders. Gender-Medizin konzentriert sich auf diese Unterschiede. In Wien fand das erste internationale Symposium statt.

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Am Beginn aller Forschung stehen immer empirische Beobachtungen und der Fokus auf ein spezielles Problem. So war es der amerikanischen Kardiologin Marianne Legato seit Langem aufgefallen, dass Männer und Frauen mit koronaren Herzerkrankungen, das sind Verengungen der Herzkranzgefäße, unterschiedliche Symptome zeigten. Während Männer bei dieser Erkrankung an Atemnot sowie Druck und starken Schmerzen am Herz leiden, äußert sich die Erkrankung bei Frauen anders. Sie klagen über Oberbauchbeschwerden, haben geschwollene Knöchel, sind müde. "Männer wurden mit ihren Symptomen in der Regel sofort ernst genommen, zahllose Frauen dagegen als hysterisch eingestuft. In der Folge wurden - und werden sie zurzeit auch weiterhin - viel weniger oft einer klärenden Herzkatheteruntersuchung unterzogen", stellt Legato fest. Und: Auch diagnostische Verfahren haben bei Frauen eine andere Aussagekraft als bei Männern.

1991 verfasste Marianne Legato ein Buch: "The Female Heart: The Truth about Women and Heart Disease" (Das weibliche Herz: Die Wahrheit über Frauen und Herzerkrankungen), das den Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Medizin abseits klassischer Frauenthemen, die nur die Fortpflanzung betreffen, markiert. "Die Wurzeln der geschlechtsspezifischen Medizin liegen im Feminismus. Er hat dazu angeregt, Frauen vermehrt als medizinische Studienobjekte zu erforschen", sagte sie vergangene Woche am Ersten Internationalen Symposium für Gender-Medizin an der Meduni Wien. Jeanette Strametz-Juranek, Kardiologin am AKH Wien und Koordinatorin der Stabstelle Gender-Medizin, pflichtet ihr bei: "Das Belastungs-EKG am Ergometer gibt bei einem herzkranken Mann zu 80 Prozent den richtigen Hinweis, bei Frauen nur zu 65 Prozent. Bei Diabetikerinnen beträgt dieser Wert überhaupt nur noch 50 Prozent und ist damit eigentlich gänzlich unbrauchbar."

Mann ist nicht Frau

Verschiedene Krankheitsanzeichen, andere Aussagekraft bei Diagnoseverfahren - auch die Wirkung von Medikamenten ist bei Mann und Frau unterschiedlich. "Wir wissen, dass das Körper-Fett-Verhältnis im weiblichen Körper anders ist. Außerdem dauert die Passage im Magen-Darm-Trakt bei Frauen länger: Das bedeutet, dass mehr Zeit bleibt, einen geschluckten Wirkstoff aufzunehmen", so Strametz-Juranek. Darüber, dass es sich dabei nicht nur um Hypothesen handelt, erlangte man in der antiviralen HIV-Behandlung traurige Gewissheit. Während Männer sehr gut auf die Therapie ansprachen, kam es bei Frauen in den Anfängen der HIV-Behandlung gehäuft zu Todesfällen oder anderen Erkrankungen. Strametz-Juranek: "Sie waren schlichtweg überdosiert." Ein Faktum übrigens, das noch auf viele andere Medikamente zutreffen wird - wenn auch nicht unbedingt mit derart fatalen Folgen. Die Ursache, warum gerade bei Frauen in der Behandlung unliebsame und unvorhergesehene Komplikationen auftreten können, liegt in der Art und Weise, wie Pharmaunternehmen im Vorfeld Medikamentenstudien durchführen. "Frauen wurden in Studien meist ausgeschlossen - wenn es nicht um ,Bikinithemen' wie Brust, Gebärmutter oder Eierstöcke ging. Das war einfacher, billiger, und man musste keinen Hormonzyklus beachten. Außerdem können dann keine Probanden ausfallen, weil sie etwa schwanger werden", erklärt Legato, die auch weiß, dass selbst im Tierversuch Medikamente praktisch nur an männlichen Mäusen und Ratten getestet werden. "Das Modell Mann zählte, und die Frau stellte man sich als kleinere Ausgabe des Mannes vor", sagt Legato.

Kursänderung

Dass dem nicht so ist, wurde mittlerweile erkannt und kann als einer der Erfolge für Gender-Medizin verbucht werden: Sowohl amerikanische als auch europäische Zulassungsbehörden verlangen für die Zulassung bestimmter Medikamentengruppen einen Mindestprozentsatz an getesteten Frauen. Wie man das merkt? Auf den Beipackzetteln von Medikamenten wird begonnen, die Nebenwirkungen für Frauen und Männer getrennt aufzulisten.

Doch das Problem für die Pharmaunternehmen, weibliche Testpersonen vor den Wechseljahren für klinische Studien zu finden, bleibt weiterhin bestehen. Wie dramatisch die Folge von Medikamenten in der Schwangerschaft sein könnten, hat Contergan eindrücklich vor Augen geführt.

Vom Herz ausgehend richtet sich die Aufmerksamkeit der Forschung nun zunehmend auf andere Bereiche. Vor allem beim Gehirn gibt es neue Erkenntnisse. Strametz-Juranek: "Schon der Bauplan des Gehirns ist anders: Linke und rechte Gehirnhälfte sind bei Frauen besser vernetzt. Auch das Sprachzentrum ist verschieden - was durchaus ein Vorteil ist: So können Frauen nach einem Schlaganfall, der ihr linkes Kommunikationszentrum geschädigt hat, diese Fehlfunktion leichter kompensieren. Im Gegensatz zu Männern können sie nämlich auf ein weiteres Sprachzentrum in der rechten Hälfte zurückgreifen."

Ebenfalls neu ist die Erkenntnis, dass Frauen Schmerz in anderen Hirnregionen und intensiver als Männer empfinden und auf Stress unterschiedlich reagieren, auch das Gedächtnis funktioniert unterschiedlich.

Obwohl sich die bisherige Forschung der Gender-Medizin viel mit Frauen beschäftigt, möchte Legato Männer keineswegs ausschließen: "Gender-Medizin ist eine Möglichkeit, mehr über den menschlichen Körper, verschiedene Krankheitsentwicklungen und die Behandlung zu lernen. Dazu werden momentan auch viele wichtige Daten gesammelt", sagt sie und meint, dass das auch eine Chance für Männer sei. Worum es geht: Frauen haben eine längere Lebenserwartung. Die Gründe dafür zu erforschen und Gegenstrategien zu entwickeln sei ein durchaus lohnendes Ziel. Nach langjähriger Tätigkeit an der Columbia University wechselt Legato nun an die Johns Hopkins University - ihre Kooperation mit dem AKH wird sie fortsetzen. (DER STANDARD, Printausgabe 06.06.2006)

Von Simone Mühlegger
  • Die Protagonistinnen des Ersten Internationalen Symposiums für Gender-Medizin am Wiener AKH: die Wiener Kardiologin Jeanette Strametz-Juranek, die Gender-Medizin-Begründerin Marianne Legato und die schwedische Ärztin Gunilla Karin Schenk-Gustafsson (v. li.).
    foto: der standard/cremer
    Die Protagonistinnen des Ersten Internationalen Symposiums für Gender-Medizin am Wiener AKH: die Wiener Kardiologin Jeanette Strametz-Juranek, die Gender-Medizin-Begründerin Marianne Legato und die schwedische Ärztin Gunilla Karin Schenk-Gustafsson (v. li.).
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