Bernanke schürt Zinssorgen

30. Juni 2006, 12:10
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"USA sind auf dem Weg zu verlangsamtem Wirtschaftswachstum" - Börsen belastet, Dollar profitiert

Washington - US-Notenbankchef Ben Bernanke hat am Montag nachdrücklich auf Inflationsgefahren hingewiesen und damit die Aktien- und Anleihen-Märkte über die US-Grenzen hinaus auf Talfahrt geschickt. Nach den asiatischen Börsen erwarten Experten auch für europäische Aktien zu Handelsbeginn am Dienstag Einbußen.

Bernankes Aussagen "haben nicht nur die Hoffnungen auf eine Pause bei den US-Zinserhöhungen zerstört, sondern bringen das Thema Zinsanhebungen für den Rest des ganzen Jahres zurück auf den Tisch", kommentierte Berry Hyman, Aktien-Stratege bei Ehrenkrantz, King, Nussbaum, die Aussagen des Fed-Chefs. Bernanke äußerte sich auf einer Banken-Veranstaltung in Washington, an der auch der EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und der stellvertretende japanische Notenbankchef Toshiro Muto teilnahmen. Alle drei bekräftigten, sie würden die Inflation mit Argusaugen beobachten.

Auf dem Weg zu verlangsamten Wirtschaftswachstum

Bernanke sagte, die USA seien auf dem Weg zu einem verlangsamten Wirtschaftswachstum. "Es ist klar, dass die US-Wirtschaft in eine Periode des Übergangs eintritt. Die erwartete Dämpfung des Wirtschaftswachstums scheint nun im Gange zu sein." Die Fed müsse aber dennoch wachsam sein, um sicherzustellen, dass die Inflation unter Kontrolle bleibe. "Angesichts der jüngsten Entwicklungen wird der mittelfristige Ausblick auf die Inflation besonders geprüft werden." Ein Risiko blieben unter anderem ein Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise.

Bernanke äußerte sich besorgt über die steigende Inflation in der Kernrate. Diese habe ein Ausmaß erreicht, das, wenn es sich weiter halten sollte, an der oberen Grenze dessen oder so gar darüber sei, was er für vereinbar mit der Preisstabilität halte. Bereits am Freitag hatte sich der Fed-Präsident von Chicago, Michael Moskow, ähnlich geäußert.

Weiter sagte Bernanke, die Vorhersagen für die Fed-Politik seien inzwischen abhängiger als zuvor von dem Bild der Wirtschaftsentwicklung, das durch die monatlichen Konjunkturdaten gezeichnet werde.

Scharfe Aussagen

"Dass sind definitiv scharfe Aussagen von Bernanke", sagte Richard Franulovich, Marktstratege bei WetPac Banking. "Unserer Einschätzung nach wird die Fed Ende Juni eine weitere Zinsanhebung vornehmen, und ich glaube, die Aussagen stützen dieses Szenario ein bisschen", sagte auch Nick Bennenbroek von Brown Brothers Harriman. Einige andere Analysten zeigten sich jedoch von der Marktreaktion auf Bernankes Worte überrascht. "Angesichts der Größe der Inflationssorgen ruft der Markt nach einer Zinserhöhung im Juni. Das ist jedoch nicht das, was ich aus den Äußerungen herauslese", sagte Christopher Low von FTN Financial."

Die US-Aktienmärkte weiteten nach Bernankes Äußerungen ebenso wie Staatsanleihen ihre Verluste aus. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 1,8 Prozent schwächer mit 11.048 Punkten und damit auf dem tiefsten Stand seit etwa drei Monaten. Die Nasdaq verlor 2,24 Prozent, der prozentual größte Tagesverlust seit Mitte Jänner. Die Aktienmärkte hatten allerdings schon vor den Aussagen Bernankes deutlich im Minus gelegen, was auf den neuerlichen Anstieg der Ölpreise zurückgeführt wurde. Belastet wurden von Bernankes Äußerungen auch die Aktienmärkte etwa in Kanada und Argentinien.

Dollar legt zu

Auf ein verlangsamtes Wachstum im US-Dienstleistungssektor hatte zuvor am Montag bereits der an den Finanzmärkten viel beachtete Service-Index des Institute for Supply Management (ISM) hingewiesen. Er sank im Mai im Rahmen der Erwartungen auf 60,1 Punkte nach 63,0 Punkten im April.

Der Dollar legte zum Euro angesichts der höheren Erwartung steigender US-Zinsen zu. Trichet wollte sich auf der Tagung in Washington nicht dazu äußern, ob die EZB am Donnerstag die Zinsen im Euro-Raum weiter anheben wird, wie dies einige Experten erwarten. Die Fed hat die Zinsen in den vergangen zwei Jahren von 1,0 Prozent auf inzwischen 5,0 Prozent angehoben, die EZB seit Dezember in zwei Schritten von 2,0 auf 2,5 Prozent. (APA/Reuters)

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