In den Genen

22. Jänner 2007, 16:37
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Zehn Prozent aller Erkrankungen beruhen auf Fehlern im Erbgut - die Medizin setzt deshalb bei Krebs auf maßgeschneiderte Gentherapie

Schon oft wurde über einen neuen Durchbruch in der Krebsforschung berichtet, ebenso oft wurden Erwartungen enttäuscht. Jetzt allerdings konzentriert sich die Forschung auf die so genannten Krebsgene, die eine gesunde Zelle in eine bösartige Tumorzelle verwandeln.

Krebs ist nicht Krebs

"Eine riesige Zahl von Genen, die an der Krebsentstehung beteiligt sind, ist bekannt", sagt Michael Krainer, Professor für Innere Medizin am Wiener AKH, und erklärt, dass alle Krebserkrankungen auf genetischen Veränderungen beruhen, doch jene, die erst später im Leben auftreten, nur in einzelnen Zellen auftreten und nicht vererbbar sind, sondern durch UV-Licht, Viren, Radioaktivität und chemische Giftstoffe wie Nikotin entstehen. Meist repariert der Körper diese Defekte auch ganz von selbst. Nur wenn die körpereigene Werkstatt versagt, entstehen bösartige Tumore.

Fehler im Erbgut

Etwa zehn Prozent der Tumorerkrankungen beruhen jedoch auf einem Fehler im Erbgut. Im Klartext: Das Krebsgen ist in jeder Zelle des Körpers vorhanden, löst selbst zwar die Krankheit nicht aus, sondern erhöht nur die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens einen Tumor zu entwickeln. Ist das ererbte Gen beispielsweise ein defektes Reparaturgen, häufen sich Mutationen. Zu diesen Genen zählen auch die bekannten Brustkrebsgene namens BRCA1 und BRCA2 sowie hMSH2 und hMLH1, die Dickdarmkrebs auslösen können.

Wer sollte sich testen lassen?

"Eine genetische Untersuchung ist dann sinnvoll, wenn Familienmitglieder von einer Krebserkrankung betroffen sind oder Angehörige in jungem Alter erkrankt sind", sagt Christian Marth, Professor für Frauenheilkunde an der Universität Innsbruck. "Ist das Ergebnis positiv, haben wir viel anzubieten: eine intensive Beratung, eine engmaschige Vorsorgestrategie und viel versprechende Therapien."

Die Kosten

Noch zahlt die Krankenkasse die Untersuchung für Risikopatienten nicht, sie werden von den Bundesländern finanziert. Doch Michael Krainer kämpft dafür. "Wir haben ein Konzept entwickelt, das eine enorme Verbesserung für den Patienten, eine Ersparnis für das Gesundheitswesen und einen Impuls für den Biotechnologiebereich in Österreich bringen würde."

Gentherapie

Denn neben der Diagnostik gewinnt auch die Gentherapie an Bedeutung. "Bei einer Gentherapie wird versucht, künstlich ein funktionsfähiges Gen in die Zellen einzuschleusen, in denen das vorhandene Gen gestört ist", erklärt Krainer. Neben dieser direkten Korrektur gibt es gentherapeutische Ansätze zur Verbesserung der Immuntherapie bei Krebs und neue Möglichkeiten für die medikamentöse Therapie.

Killerzellen

Für die Immuntherapie bewaffnen die Forscher im Reagenzglas bestimmte Abwehrzellen mit Genen für Botenstoffe wie Interleukine und geben diese gentechnisch veränderten Zellen dem Patienten zurück. Die daraufhin im Körper gebildeten Botenstoffe bewirken, dass das Abwehrsystem sensibler für die Krebszellen wird und sie aus sich selbst heraus bekämpfen kann. Diese Therapie wurde in bestimmten Fällen bereits sehr erfolgreich angewendet.

Genmedikament bei Brustkrebs

Sehr viel versprechend ist auch die so genannte "targeted therapy", die gezielte Therapie. "Dabei werden Signalpfade in der Zelle und zwischen den Tumorzellen mittels gentechnologisch hergestellter Eiweiße oder kleiner Moleküle zielgerichtet gegen den Krebs beeinflusst", sagt Krainer. Das Medikament Herceptin, bei einer bestimmten Form von Brustkrebs angewendet, beruht auf dieser Strategie.

Es blockiert die Wachstumssignale für die Zellen, die für die Tumorentstehung verantwortlich sind. "Herceptin ist ein Antikörper, der genau an einem oberflächlichen Rezeptor bindet und ihn still legt", erklärt Christian Marth.

"Maßgeschneiderte" Zukunft

Die Zukunft der Krebstherapie, so glauben beide Experten, liegt in der maßgeschneiderten Therapie für jeden einzelnen Patienten. Statt Patentlösungen muss also jede Art von genetisch vererbtem Krebs individuell betrachtet werden, muss herausgefunden werden, ob die Erkrankung durch fehlende Rezeptoren, Mutationen oder überaktive Botenstoffe entstanden ist.

"Nur wenn wir den Tumor genau kennen, können wir gezielt behandeln", sagt Marth. Denn selbst bei den vererbten Formen von Krebs muss noch umfassend geforscht werden, um die diffizilen Mechanismen in ihrer Komplexität erfassen zu können.
(MEDSTANDARD/Lisa Eversmann/6.6.2006)

Siehe

Wissen
Krebsgene

Neue Therapie
"Selbstmord" der Krebszellen

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    foto: obs/intramedic gmbh
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