Wunder entstehen bei geöffneten Fenstern

5. Juni 2006, 19:08
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Visuelles Meisterwerk: "Cathay" - Gastspiel des chinesischstämmigen New Yorker Regisseurs Ping Chong und seiner beiden Puppenspielerensembles

Wien - Es war für manche jetzt schon die absehbar schönste Überraschung der heurigen Festwochen: das Gastspiel des chinesischstämmigen New Yorker Regisseurs Ping Chong und seiner beiden Puppenspielerensembles. Nicht der Inhalt zählte, nein, der war banal, sondern die Morphologie eines auf berückende Art die Zustandsformen wechselnden Theaterabends.

In Cathay: 3 Tales of China gelang dem 60-jährigen Mann aus Chinatown eine virtuose Integration von Puppentheater und Filmanimation. Die präzise Ästhetik der hier gebotenen Cinemascope-Dimension erinnerte an filmische Stimmungsbilder eines Robert Lepage. Dem auditiv erzogenen und von Formenvielfalt "verschonten" Theaterpublikum der westlichen Hemisphäre widerfuhr hier ein visuelles Wunder.

Auf einer Großportalwand aus Paneelen, die sich quer über die Bühne der Halle E im Museumsquartier erstreckte, öffneten sich Bildfenster, die wie simultan arrangierte Filmkader aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Mitteln (Film, Animation, Stabpuppen und Schattenfiguren) drei Geschichten erzählten. Eine handelte von der Liebe am Kaiserhof der Tang-Dynastie, eine von der japanischen Invasion im Zweiten Weltkrieg, und eine dritte ließ die beiden vorangegangenen Episoden in die Gegenwart eines modernen Hotels in China hereinragen.

Eine Szene im Garten der traurigen Kaiserin wurde parallel aus vier unterschiedlichen Perspektiven visualisiert: von der Totale bis zur Detailaufnahme der (ebenfalls als Stabpuppen geführten) tänzelnden, zentimeterkleinen Schmetterlinge. Perfektes Licht und perfekter Ton mobilisierten alle Kräfte der Imagination. Zehn Ton- und 25 Lichttechniker leisteten beste Arbeit. Verloren blieb diese Wundermaschine in ihrer Filigranität allerdings für alle Besucher in den hinteren Sitzreihen. Ein Ärgernis, dass die Wiener Festwochen auch diese Karten verkauften. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2006)

Von Margarete Affenzeller
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    foto: festwochen/bennion
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