Alttestamentarischer Opern­katechismus

5. Juni 2006, 18:21
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Mit überschäumendem Beifall bedachte das Staatsopernpublikum die Premiere von Arnold Schönbergs "Moses und Aron"

Besonders viel Applaus galt Franz Grundheber und Thomas Moser als Protagonisten sowie dem Dirigenten (Daniele Gatti) und dem Regisseur (Reto Nickler).


Wien - Bei allem gebotenen Respekt vor der zunehmenden Mündigkeit des Wiener Opernpublikums hat die Heftigkeit des Beifalls, der nach der Staatsopernpremiere von Arnold Schönbergs Moses und Aron am vergangenen Samstag losgebrochen ist, doch sehr überrascht.

Der Grund für dieses unübliche Ausmaß des Schlussjubels dürfte allerdings nicht allein in den erwartungsgemäß überragend intensiven Leistungen von Franz Grundheber als Moses und Thomas Moser als Aron liegen. Und auch nicht in der exzellenten Präzision, mit der die von Norbert Balatsch und Janko Kastelic durch den Slowakischen Philharmonischen Chor verstärkten Chöre der Wiener Staatsoper die Handlung prägend mittrugen.

Den Ausschlag zu diesem Bombenerfolg gab wohl der didaktische Übereifer, mit dem Regisseur Reto Nickler versucht, alles, was auf der Bühne passiert, mit zeitweise allzu naiver Vordergründigkeit verständlich zu machen. Dass dies zu künstlerischen Defiziten führt, blieb entweder unbemerkt oder wurde bewusst in Kauf genommen.

Anzuerkennen bleibt jedenfalls, dass sich der an der Wiener Musikuniversität lehrende Schweizer Regisseur mit erheblicher Moderneerfahrung überhaupt auf das Abenteuer eingelassen hat, für Willy Decker, der während der Proben erkrankte, einzuspringen und dieses gerade wegen seiner glasklaren Thematik überaus heikle Werk in Wolfgang Gussmanns zwischen Tristesse und Videokitsch wechselnder Ausstattung zur Premierenreife zu bringen.

Das zentrale Thema liegt in der Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit der Wort- und Bildwerdung des Gedankens. Moses kann das Diktat des einen Gottes nicht in Worte fassen und braucht Aron als seinen PR-Mann. Schönbergs Text ist so deutlich, dass dessen szenische Duplizierung überflüssig ist. Daher liegt die Misere dieser insgesamt adretten Produktion in der Trivialisierung von Schönbergs Ideendrama zum alttestamentarischen Katechismus.

So halten die Hebräer schon von Beginn an ihre Koffer bereit, obwohl ihnen Moses mit Arons Hilfe den Ausbruch aus der ägyptischen Gefangenschaft und den Gang durch die Wüste überhaupt erst schmackhaft machen muss, während diese mit Kreide auf die aus schwarzen Tafeln bestehenden Wände das Wort "Ich" schreiben. Damit nur ja kein Zweifel aufkommt, dass schon damals ein jeder sich selbst der Nächste war.

Koffergeheimnis

Dass alle miteinander, wenn sie sich dann tatsächlich auf den Weg machen, ihre Koffer zurücklassen, ist eines der wenigen Geheimnisse dieser Inszenierung. Ebenso wie die Frage unbeantwortet bleibt, wer ihnen ihre Gepäckstücke wohl nachgetragen hat, wenn sie mitten in der Wüste plötzlich wieder auftauchen.

Dafür ist sonst alles klar. Weil Moses mitsamt seinen einzigen wahren Gott seit 40 Tagen unsichtbar bleibt, beendet Aron den bedrohlichen Wartefrust mit dem bekannten Tanz um das Goldene Kalb, das diesfalls als mächtige Videoinstallation (fettfilm, Momme Hinrichs, Törge Möller) bedauerlicherweise ganz und gar unübersehbar ist.

Da wird von assoziativen Anleihen beim O.M.-Theater von Hermann Nitsch über Schönheitschirurgie bis zum Opernball alles zum Flimmern gebracht, was mit Orgie und Gesellschaftskritik zu tun haben könnte. Und auch der Dümmste bekommt mit, was gotteslästerliche Sache ist, wenn die Hebräer nun riesige goldene Buchstaben hereinschleppen, die "Gott" oder gar "Ich bin Gott" ergeben.

Das wahre Rätsel dieses Werkes stellt oberflächlich jedoch dessen Musik dar. Auch wenn diese durch die strukturelle Omnipräsenz einer nach klarem Gesetz verwendeten und variierten Zwölftonreihe paradoxerweise grundsätzlich bis ins Detail erklärbar ist.

Orchesterrhetorik

Eine klingende Erklärung durch die musikalische Wiedergabe ist freilich nicht zu erwarten. Andererseits wieder scheint es ebenso problematisch wie erfolgsträchtig, diese Musik in zugegebenermaßen stets zu klarer rhetorischer Intensität aufgeladene Gesamtmodule zu bündeln, wie dies Daniele Gatti an der Spitze des Staatsopernorchesters erfolgreich versuchte. Das atmosphärische Gespinst, das dieses Werk durchwirkt und zusammenhält, schien hier dem klangschimmernden Kleingeld der Effekte teilweise unüberhörbar geopfert.

Dafür funktionierte das Zusammenwirken mit den Solisten wie Ildikó Raimoni als junges Mädchen und Janina Baechle als Kranke sowie mit den Chören aufs Beste. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2006)

Von Peter Vujica
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    Franz Grundheber als zentrale Propheten- gestalt in der Premiere von Arnold Schönbergs "Moses und Aron" an der Wiener Staatsoper.

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